Montag, 27. Mai 2019 18:15 Uhr

Sehnsucht nach Einheit: Weimars Erbe in der politischen Kultur der Bundesrepublik

Vortrag: Prof. Dr. Frank Bösch, Potsdam
Moderation: Dr. Peter Ulrich Weiß, Potsdam

Veranstaltungsort:
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Kronenstraße 5, Berlin-Mitte
Eintritt frei

Ringvorlesung Weimars Wirkung. Das Nachleben der ersten deutschen Republik

(Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Neueste und Zeitgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, in Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Deutschen Historischen Museum)

Die Weimarer Republik steht sowohl für die Spaltung der Deutschen als auch für deren Sehnsucht nach Einheit. So gingen die polarisierten politischen Kämpfe der Zeit mit Appellen an die Volksgemeinschaft und die Einheit der Arbeiterbewegung einher.
Der Vortrag fragt, wie die Deutung der politischen „Zersplitterung” der Weimarer Republik die politische Kultur der Bundesrepublik prägte. Er zeigt, wie sie etwa die Ausbildung von großen Volksparteien, Gewerkschaften und Verbänden förderte. Die Formel der Volksgemeinschaft war zwar diskreditiert, wurde aber durch die Rhetorik der Opfer­gemeinschaft und eine Betonung der „Mitte” und „Mittelstandsgesellschaft” ersetzt. Gerade die deutsche Teilung förderte in der Bundesrepublik eine antikommunistische Beschwörung einer Einheit, die Weimarer Zustände verhindern sollte; in der DDR galt das Einheitspostulat im Sinne einer Geschlossenheit nach Vorgaben der SED ohnehin. Der Vortrag spannt dabei einen Bogen bis zur Neuen Rechten, die mit der Proklamation eines „Volkswillens” an diese Sehnsucht nach Einheit anknüpft. Ebenso wird gefragt, ob die Entfernung vom Schreckbild Weimar mit für den heutigen Wandel der politischen Kultur verantwortlich ist.

Frank Bösch, 1969 geboren, ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und Professor für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Das konservative Milieu. Vereinskultur und lokale Sammlungs­politik in ost- und westdeutschen Regionen (19001960) (2002), Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 18801914 (2009), Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck zum Fernsehen (2011) und Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann (2019).

Peter Ulrich Weiß, 1970 geboren, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Lehrbeauftragter am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.