'Asoziale' im NS und ihre Entschädigung nach 1945 in der Literatur

Dr. Georg Fischer, Hauptstr. 113, 74850 Schefflenz, Tel./Fax:             06293-79231       circampulus(at)freenet.de

Am Samstag, 27.09.2003, behandelte die AG V, die sich v.a. an die Bibliothekarinnen und Bibliothekare von Gedenkstätten wandte

das Thema "'Asoziale' im NS und ihre Entschädigung nach 1945 in der Literatur"

Es war von Georg Fischer mit einem "Einführungstext" vorbereitet worden. Er entstand aufgrund der Recherchen einzelner Bibliotheken und wurde allen AGGB Mitgliedern per e-mail drei Wochen vorher übermittelt (siehe Anlage). Aus diesen Erhebungen wurde die "Literaturliste" zusammengestellt (siehe Anlage). Beides bildete die Grundlagen des power-point-gestützten Vortrages (siehe Anlage) auf der Tagung, der explizit Diskussionsphasen vorsah.
Der folgende Text fasst neben diesen Teilen auch die Diskussion zusammen.


(A) Problemfeld
Präziser ist das Thema zu fassen, wenn zwei Einschränkungen benannt werden, die in den Vorbereitungen verabredet wurden.
Einerseits handelt es sich lediglich um Bibliotheksbestände von fünf Gedenkstätten zum Stichwort "Asoziale" (siehe Anlage "Literaturliste") und nicht um eine inhaltliche Analyse dieser Opfergruppe in Büchern.
Andererseits wurden die spezifischen Buchtitel zu den Stichworten Sinti+Roma ausgeklammert, weil dazu in früheren Veranstaltungen speziell gearbeitet worden war. Der Bereich Euthanasie und Zwangssterilisation scheint im Kontext "Tötung" und "Gewaltmaßnahmen" sinnvoller aufgehoben als unter "asozial"
Damit hängt auch der spezifische Blick des Vortragenden zusammen, der sich bezog auf "Menschen in den KZs, die von der SS mit einem schwarzen Winkel gebranntmarkt wurden".

a) Dass Randgruppen, die von der Mehrheitsgesellschaft als nicht integriert betrachtet werden, auch "Menschen" sind, muss wegen der hohen Kontinuität von Diskriminierung aller "Asozialen" seit Jahrhunderten betont werden, denn im NS wurde dies für viele so stigmatisierten zum Todesurteil.
b) Weil die SS bei der Einlieferung ins KZ die "schwarzen Winkel" verteilte, besteht eine relativ willkürliche, nicht immer nachvollziehbare Zuordnung, wer davon betroffen war.
c) Die Betroffenen waren jedenfalls ohne ihre eigene Zustimmung "gebranntmarkt", denn der "schwarze Winkel" diskriminierte sie innerhalb der Häftlingsgesellschaft von vornherein.

Die schwarze Winkel - Häftlinge stellte zumindest in der Mitte des Jahres 1938 die Mehrheit in den (untersuchten) KZs, wurde aber von den dominierenden Beschreiberinnen und Beschreibern (v.a. politische rote Winkel - Häftlinge, die überlebten) als eine Gruppe bewertet wurde, die besser nicht in den Vordergrund geschoben werden sollte. Was "besser" sei führt zur Diskussion über die inzwischen auch 50 Jahre alte Selbst- und Fremdsicht von Opfern. Des weiteren muss mitgedacht werden, dass gerade die "Asozialen in den KZ" damals und heute in der öffentlichen Meinung auch zu einer Rechtfertigung der Einrichtung im Sinne "hartes Durchgreifen des Staates ist nötig" diente und dient. Alt- und Neo-Nazis könnten sich dieses Arguments bedienen.

 

(B) Literaturbestand
Eine kurze Kommentierung der entstandenen Literaturliste zeigt die Abhängigkeit der Bibliotheksarbeit vom wissenschaftlichen Forschungsstand zu Frage nach den "Menschen mit schwarzem Winkeln in den KZ". Es ist auch ungelöst, wie sich der Gegenstand in den verschiedenen Definitionen der SS, der Wohlfahrts-/ Sozialämter und der Kripo abbildet.
Der erste Eindruck, dass die Bibliotheksbestände nicht nach dem Inhalt "asozial", sondern nach Geografie, Personen oder Institutionen geordnet sind, ergibt sich logisch. Aber er ist zu ergänzen, dass die weiteren Verweise in den Schlagwortkatalogen durchaus eine präzisere Suche ermöglichen. Die Entwicklung des "Thesaurus" kann und sollte dazu produktives ergeben.

Quantitativ ergab die Literaturrecherche der für Gedenkstättenbibliotheken: 
es werden lokale / regionale / institutionsbezogenen Untersuchungen am meisten genannt: Hamburg (6x), Breitenau (6x), Köln (3x), München (2x), Bischofsried (2x),
je ein mal Flensburg, Bremen, Essen, Wien, Idstein, Hadamar, Altscherbitz, Westfalen, Österreich.
Dann folgen quantitativ die Werke von Wolfgang Ayaß, der (nach dieser Recherche 18 mal genannt) wichtigste Kenner dieser Materie: Er veröffentlicht zur "Randgruppe" seit 1988. Zu ihm gesellt sich als Kennerin spezifischer Frauenbelange Christa Schikorra, die über Asoziale/Prostitution im KZ Ravensbrück seit 1997 veröffentlicht.

Betrachtete man die 29 genannten Untersuchungen zu lokalen Verhältnissen als qualitatives Moment, so ergeben sich (in den Titeln erkennbare) Qualitätskriterien:

Drei allgemeine Werke (neben Ayaß)
Zwei Einzelfälle werden viermal genannt 
Drei Untersuchungen zu einzelnen KZ
Sex/Prostitution mit den Schikorra-Titeln 7x genannt
"Zigeuner" 3 x, Erziehung 2x.
Weil nur vier fremdsprachige Titel und die nur eine zeitgenössische Veröffentlichung (zu München 1939) lassen möglicherweise ein Defizit an "Bewusstheit" des Themas bzw. Kenntnissen der Literatur vermuten. 
Auf die Frage von Kontinuitäten scheinen sechs Titel einzugehen.


(C) Hintergründe der Bibliotheksarbeit 
Georg Fischer vermutet vier Ursachen für diese Recherchenergebnisse.

1. wissenschaftliche Defizite:
Dazu wird von Wolfgang Ayaß und Christa Schikorra selbst, sowie den anderen Referenten dieses bundesweiten Gedenkstättentreffens in anderen Arbeitsabschnitten berichtet.

2. ungenügendes Bewusstsein bezüglich der Veränderungen in den "Häftlingsgesellschaften": 
Noch heute wird die dynamische Veränderung der Funktion der KZ im NS (vgl. z.B. Orth, Karin: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Zürich - München 2002) nur unzureichend wahrgenommen. Damit werden auch die Lagerinsassen eigentlich nicht in ihren spezifischen Situationen berücksichtigt.

3. (Vor-) Urteile zur Opfergruppe:
Die Opfergruppe umfasst 20.000 bis 50.000 Menschen. Sie stellten damals und heute die Frage, ob sie "zu Recht" (und / oder) zur "Arbeitserziehung" aus ihren Lebenszusammenhängen eliminiert und in die KZ eingesperrt wurden. Diese Frage kann nicht ohne Werturteile über die schwarze Winkel - Häftlinge beantwortet werden.

4. Kontinuität in der Diskriminierung:
Es stellt sich also auch für die Bibliotheksarbeit die Frage unseres Selbstbewusstseins und die nach dem Umgang mit "nicht angepassten" Menschen. Damit ist einerseits die subjektive Bedeutung für jeden einzelnen angesprochen. Andererseits ist die Kontinuität der Diskriminierung von Randgruppen nicht ohne eine Kritik der industriellen Entwicklung in Deutschland seit mindestens 150 Jahren zu erklären, denn die besondere Arbeitsmoral (sie führte nicht zufällig zum Spruch in der Nazizeit: "Eisen erzieht") und der überhöhte Anteil, den Lohnarbeitseinkommen am Sozialprestige eines Menschen ausmacht, waren mit ursächlich für die Inhaftierung und "Ausmerzung". Vergleiche dazu die Palette von "Arbeit macht frei" bis zu "wer nicht arbeitet soll auch nicht essen".


(D) Diskussion von Empfehlungen
Im Schlussteil wurde die Empfehlung besprochen, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare ihre Sensibilität für das Problemfeld "Asoziale" schärfen sollten. 
These: Ohne den historischen Kontext von Justiz + Polizei, Wohlfahrts-, Fürsorge- + Gesundheitsämtern, Arbeitsverweigerung + Nichtintegrationsverhalten der "nichtangepassten" Menschen und schließlich des Zusammenhanges von allgemeiner Diskriminierung + spezifisch faschistoide Verfolgung wahrzunehmen, kann auch niemand ein Buch verschlagworten.
Unstrittig war, dass aus einem erweiterten Blick für die Forschungsdefizite ein gezieltes sammeln und bibliografieren folgen solle.
Ein erweiterter Blick (Forschungsdefizite + gesellschaftlicher mainstream) könnte einerseits die Stichwortliste für bestimmte Bestände erweitern. Andererseits sollte gezielt gesammelt werden, um diese Opfergruppe überhaupt wahrnehmen zu können.

Abschließend stand die Aufgabe von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren zur Debatte. Wenn man bedenkt, dass sie früher einmal die Lesewünsche ihrer Kunden so begleiten sollten, dass "im Volk" einen Bildungszuwachs entsteht ("neue Richtung" der Erwachsenenbildung seit dem 1. Weltkrieg), ist eine "missionarische Haltung" fraglich, eine "dienstleistende" angebrachter. Hier ergibt sich ein Thema für das nächste Gedenkstättentreffen 2004, wo die pädagogischen Probleme im Mittelpunkt stehen werden.