Dienstag, 22. Januar 2019 19:00 Uhr

Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter

Vortrag: Dr. Felix Bohr
Moderation: Prof. Dr. Michael Wildt

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(In Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag)

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren in zahlreichen westeuropäischen Ländern NS-Kriegsverbrecher inhaftiert. Im Zuge der Westbindung der Bundesrepublik wurden die meisten von ihnen entlassen. Lediglich in Italien und den Niederlanden verblieben insgesamt fünf Deutsche im Gefängnis: der SS-Mann Herbert Kappler, als Kommandeur der Sicherheitspolizei verantwortlich für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, sowie die „Vier von Breda”, die maßgeblich an der Ermordung der niederländischen Juden beteiligt gewesen waren. Hochrangige deutsche Politiker, unter ihnen die Bundeskanzler Brandt und Schmidt, setzten sich für ihre Freilassung ein.
In seiner Studie Die Kriegsverbrecherlobby (2018) zeichnet Felix Bohr das west-deutsche Engagement für im Ausland inhaftierte NS-Täter nach. Er zeigt, wie sich aus Netzwerken von Kirchenverbänden, Veteranenvereinigungen und Diplomaten eine einflussreiche Interessenvertretung formierte, die rechtliche und materielle Hilfe leistete. Während Opfer des NS-Regimes um gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung kämpften, organisierte eine Lobby Unterstützung für Kriegsverbrecher bis hinauf zur Regierungsebene. Auf der Grundlage bisher zum Teil nicht zugänglicher Quellen wirft Bohr einen umfassenden Blick auf dieses Kapitel bundesdeutscher Vergangenheitspolitik.

Felix Bohr, 1982 geboren, Historiker und Journalist, arbeitet als Redakteur im Deutschlandressort des „Spiegel”. Sein Studium der Geschichte und der Katholischen Theologie absolvierte er in Berlin und Rom. Er hat diverse Beiträge über die Inhaftierungen der NS-Täter Herbert Kappler und der „Vier von Breda” verfasst. Mit der vorliegenden Studie wurde er an der Georg-August-Universität Göttingen promoviert.

Michael Wildt, 1954 geboren, ist Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hat zahlreiche Studien zur Geschichte der Gewalt und zum nationalsozialistischen Terror vorgelegt.