Dienstag, 23. März 2021 19:00 Uhr

Rassenforschung und -anthropologie im Nationalsozialismus

Vortrag: Prof. Dr. Paul Weindling, Oxford
Moderation: Dr. Stephanie Bohra, Berlin

Livestream – eine Teilnahme vor Ort ist leider nicht möglich.

Begleitprogramm zur Sonderausstellung „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto Tarnów”

(Gemeinsam mit dem Naturhistorischen Museum Wien und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas)

Als Teil der Anthropologie – der Wissenschaft vom Menschen – war Rassenforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil einer international anerkannten und etablierten Wissenschaft. Damit verband sich die Vorstellung, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft auch genetisch bedingte „höher- oder minderwertige” Eigenschaften besäßen. Während des „Dritten Reichs” wurden Rassenforschung und -anthropologie als Leitwissenschaften erheblich gefördert, um die Erbgesundheits-, Rassen- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zu legitimieren. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erstellten Gutachten, die der Erfassung und Aussonderung von Juden, Sinti und Roma, „Erbkranken” und „Asozialen” dienten, lieferten Begründungen für die Politik massenhafter Zwangssterilisationen und der „Euthanasie”, führten unzulässige Menschenversuche durch und forschten an Präparaten, die von Opfern der Massenmorde stammten.
In seinem Vortrag zeigt Paul Weindling, wie Rassenforscher die Durchsetzung von NS-Maßnahmen als Gelegenheit für ihre Forschung nutzten und analysiert das Geflecht aus entgrenzter Wissenschaft und der Radikalisierung der Verfolgungsmaßnahmen.

Paul Weindling, 1953 geboren, ist Research Professor in the History of Medecine an der Oxford Brookes University. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sowie Preisträger des Anneliese Maier-Forschungspreises der Alexander von Humboldt-Stiftung. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Health, Race and German Politics between National Unification and Nazism, 1870–1945 (1989), Nazi Medicine and the Nuremberg Trials: From Medical War Crimes to Informed Consent (2004), Victims and Survivors of Nazi Human Experiments: Science and Suffering in the Holocaust (2014) sowie der Aufsatz Mobilizing against Nazi racial science: The international front against Nazi race theory 1933–1940 (2019).

Stephanie Bohra ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Topographie des Terrors und Mitkuratorin der Ausstellung „Der kalte Blick”.