Protokoll der 33. AGGB-Tagung

Protokoll der 33. AGGB-Tagung
vom 14.-16. März 2018, Frankfurt am Main
Tagungsort: Deutsche Nationalbibliothek, Adickesallee 1, 60322 Frankfurt am Main

 

Programm:

Mittwoch 14.03.2018:

·         14:00 Begrüßung

·         14:15 AGGB-Runde („Vorstellungen + Mitteilungen/Austausch/Probleme“)

·         16:00 Kaffeepause

·         16:30 Exilarchiv (+ neue Dauerausstellung) und Anne Frank Shoah Bibliothek

·         18:30 Abendessen (Selbstzahler)

 

Donnerstag 15.03.2018

·         09:00 Digitalisierung / Digitalisierungsprojekt (Lovis Atze + AGGB-Besprechung)

·         11:00 Kaffeepause

·         11:15  AGGB-Runde: bibliothekspädagogisches Projekt („Man wird ja wohl noch sagen dürfen“)( Nathalie Geyer); Provenienzforschung (Nathalie Geyer; Florian Gehringer)

·         12:30 Mittagspause

·         14:00 Helen Thein: Vorstellung ihrer Masterarbeit „Gedenkstättenbibliotheken – zur Bestimmung eines Bibliothektyps“

·         15:00 Exkursionen Fritz Bauer Institut; Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945

·         18:30 Abendessen (Selbstzahler)

 

Freitag 16.03.2018                                                                                                                             

·         09:00 Dr. Christof Kugler:  Spanish Civil War Collection. Ein Privatarchiv zum Einsatz des deutschsprachigen Exils für die spanische Republik sowie den Nachwirkungen in der BRD und DDR

·         10:30 Dr. Rachel Heuberger: Der Fachinformationsdienst (FID) Jüdische Studien

·         11:15 Kaffeepause

·         11:45 Dr. habil. Jeanette van Laak: Einrichten im Übergang. Das Aufnahmelager Gießen (1946–1990)

·         12:45 Abschlussrunde

 

 

 

Mittwoch 14. März 2018

Begrüßung der Teilnehmer/innen
Silvia Asmussen (Deutsches Exilarchiv) , Jesco Bender (Deutsches Exilarchiv), Thomas Altmeyer (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945) und Monika Sommerer (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz) begrüßen die Teilnehmer/innen der Tagung.

AGGB-Runde
Kurze Vorstellungsrunde moderiert von Monika Sommerer.

Teilnehmer/innen der Tagung berichten aus den Bibliotheken und Institutionen:

Peter Egger informiert darüber, dass die KZ-Gedenkstätte Mauthausen die Einführung eines neuen Datenbanksystems (Software: Adlib) plant.

 

Carola Kieras berichtet aus der Gedenkstätte Neuengamme. Die Bibliothek bekam 3000 Bücher aus dem Nachlass des Journalisten und Schriftstellers Ralph Giordano. Die Sammlung bekam einen eigenen Raum (Ralph-Giordano-Bibliothek) in der Gedenkstätte. Eine Eröffnungsfeier mit 200 Teilnehmenden zum neuen Bestand fand großes mediales Echo.

 

Amélie zu Eulenburg informiert über die Gedenkstätte Lindenstraße. Diese ist 1990 aus einer Initiative entstanden und seit 2016 eine Stiftung. Sie befindet sich im Zentrum Potsdams. Die Gedenkstätte Lindenstraße informiert über Verfolgung im Nationalsozialismus (1933-45), in der sowjetischen Besatzungszone (1945-49) und in der DDR (1950-89). Die etwa 6000 Bücher sind bisher nur über eine Word-Datei erfasst und sollen nun bibliothekarisch erschlossen werden.

 

Monika Sommerer berichtet von einer neuen Ausstellung der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, an der sie maßgeblich beteiligt war. Die Ausstellung zeigt exemplarisch und unter verschiedenen Gesichtspunkten sieben Berliner Bibliotheken in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie wird am 29.Mai eröffnet und auch beim 107. Deutschen Bibliothekartag (in Berlin) gezeigt.

 

Christian Höschler stellt den neuen Bibliothekskatalog des International Tracing Service vor. Der Bibliothekskatalog (Software: Faust) steht nun auch für die Online-Recherche zur Verfügung.
Er weist mehr als 10.000 Medieneinheiten (darunter 400 Zeitschriften) nach. Darunter sind auch teils unveröffentlichte Manuskripte zur Geschichte des ITS und seiner Vorgängerorganisationen.

Es gibt eine Intranet-Version des Kataloges, in diesem werden auch Cover der Bücher angezeigt, diese sind wegen Urheberrechtsfragen nicht in der Online-Variante sichtbar.

Der ITS möchte seine Bestände auch im AGGB-Katalog nachweisen.

 

Die Kataloge der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (GDW) und der Joseph Wulf Mediothek (Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz) wurden auf Koha (Open-Source-Software) umgestellt. Der Katalog der Joseph Wulf Mediothek ist online, der Katalog der Gedenkstätte Deutscher Widerstand nur intern nutzbar. In der Bearbeitungsversion für das Bibliothekspersonal zeigt der Katalog der Joseph Wulf Mediothek Buchcover, auf der Nutzer/innenoberfläche wurde darauf verzichtet, weil die Cover eine Verlinkung zu Amazon darstellen.
Nicht ganz zufriedenstellend ist bisher die Facettierung. Eine Verknüpfung mit Normdaten ist möglich.
Zusammenfassend ist der Umstieg gut und mit relativ geringer Fehlerquote verlaufen. Die nötige Arbeit zur Nachbearbeitung fehlerhafter Daten ist überschaubar.

 

 

Mailverteiler AGGB

Der Mailverteiler des AGGB ist zu ergänzen und dessen Betreuung zu klären.
Einige Mitglieder berichten, dass öfter E-Mails aus dem Verteiler bei ihnen nicht oder ohne die Anhänge ankommen (hierbei ist unklar, ob das Problem am Verteiler liegt oder die Anhänge von den eigenen IT-Systemen geblockt werden).

Florian Gehringer (Stiftung Topographie des Terrors) geht der Frage nach, wer derzeit für die Betreuung zuständig ist und gibt der AGGB Rückmeldung.

 

Flyer AGGB

Die Flyer der AGGB müssten aktualisiert werden. Eine Neugestaltung wird in Betracht gezogen ggf. auch als Faltblatt, um die vielen Informationen lesbar unterbringen zu können (Monika Sommerer macht einen Vorschlag)

 

AGGB-Katalog

Für den AGGB-Katalog wurde ein neuer Server mit höherer Speicherkapazität gemietet.

Neu dazugekommen sind die Daten des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA), weitere Zuwächse stehen in nächster Zeit an (KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit u.a.).
Durch die Zunahme an Teilnehmern ist zu erwarten, dass der finanzielle Beitrag für die einzelnen Bibliotheken zum AGGB-Katalog etwas niedriger wird.

 

Nächste Treffen der AGGB

Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen ist unter neuer Zuständigkeit (jetzt Bundesanstalt KZ-Gedenkstätte Mauthausen, zuvor unter der Zuständigkeit des Bundesministeriums für Inneres) und sucht nach neuen Räumlichkeiten. In der Umbruchsituation ist es nicht sinnvoll, sich zur AGGB-Tagung 2019 in Wien zu treffen (wie beim letzten AGGB-Treffen lose angedacht).
So soll ggf. die Tagung 2020 in Wien (KZ-Gedenkstätte Mauthausen) und das Treffen 2021 dann in Ulm (Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg) stattfinden.

 

Caroline Lamey-Utku (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin) prüft die Möglichkeit, das Treffen 2019 in München auszurichten.
Die KZ-Gedenkstätte Dachau und das NS-Dokumentationszentrum München sollen gefragt werden, ob sie sich an der Ausrichtung beteiligen würden.

 

Exilarchiv und Anne Frank Shoah Bibliothek

Frau Asmussen informiert über das Deutsche Exilarchiv.

Das Deutsche Exilarchiv besteht aus den beiden Teilen Sammlung Exil-Literatur 1933-1945 in Leipzig und dem Deutschen Exilarchiv 1933-1945 am Standort Frankfurt am Main. Die Bestände der Exilsammlung sind im Lesesaal des Deutschen Exilarchivs Frankfurt am Main und im Lesesaal der Anne-Frank-Shoah-Bibliothek Leipzig zugänglich.

Am Leipziger Standort wurde nach 1933 unter der Abteilung „Auslandsliteratur“ Bücher gesammelt, die in deutscher Sprache im Ausland (Exil) erschienen. Nach 1945 wurde diese Sammeltätigkeit in der SBZ und DDR fortgesetzt.

Der Standort Frankfurt/M. war eine politisch gezielte Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg und ab 1949 vom Literaturverband und der BRD systematisch ausgebaut. Zunächst auf Literatur bezogen wurde in den 1970er / 1980er Jahren die Sammeltätigkeit auch auf ungedruckte Überlieferungen (Akten, Tagebücher, persönliche Notizen und Gegenstände, Nachlässe) ausgedehnt.

Insbesondere dass die Sammlungen disziplinübergreifend (also nicht nur aus literarischem Blickwinkel) getätigt wurden, kennzeichnet ihre Qualität. Grundsätzlich wurden alle Publikationen im Ausland unter deutscher Beteiligung aufgenommen.

Seit 2016 ist die nach 1990 begonnene Zusammenarbeit der Häuser in Leipzig und Frankfurt/M. neu zur einheitlichen Organisation geregelt, in der derzeit 16 Mitarbeitende (z.T. Teilzeit-) beschäftigt sind.

Das Haus Frankfurt/M. bietet ca. 4000 Medien in den drei Stockwerken der Freihandbibliothek an, die Anne Frank Shoah-Bibliothek umfasst ca. 16.000 Medien.

Ein großer Teil ist (mit unterschiedlicher Erfassungstiefe) digitalisiert: ca. 30.000 Medien. Der Online-Zugriff ist von den (international unterschiedlichen) Urheberrechten abhängig. Die Monografien werden nach Ablauf der Urheberrechte in einer Moving Wall freigeschaltet.
Medien, die nicht online zugänglich gemacht werden können, können in den Lesesälen in Leipzig und Frankfurt/M. genutzt werden.

Die „Exilpresse“ und die „Jüdische Periodika in NS-Deutschland“ wurden online gestellt, mussten jedoch aus urheberrechtlichen Bedenken wieder aus dem Netz genommen werden. Die Exilpresse ist nach Klärung nun wieder online, die Sammlung Jüdische Periodika in NS-Deutschland nicht. Die Werke können zwar als vergriffen angesehen werden, ein Workflow zum Eintragen vergriffener Periodika existiert aber noch nicht.

Die neue Dauerausstellung des Deutschen Exilarchives 1933-1945 mit dem Titel „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ wurde am 09. März 2018 eröffnet.

 

Führung Exilarchiv und Dauerausstellung

Frau Asmus führte zunächst durch das beeindruckend große (30.000 qm) Archiv in drei Untergeschossen des Gebäudes, anschließend durch die neue Dauerausstellung des Exilarchivs. Die Ausstellung mit dem Titel „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ wurde am 09. März 2018 eröffnet. Sie gliedert sich in die drei Hauptkapitel „Auf der Flucht“, „Im Exil“ und räumlich abgesetzt im offenen Obergeschoss „Nach dem Exil“. Durch die Kapitel ziehen sich acht Begleitbiografien.

 

Donnerstag 15. März 2018

Digitalisierung/ Digitalisierungsprojekt

1. Vortrag von Lovis Atze zu rechtlichen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung von NS-Zeitungen:
Lovis Atze (Studentin im Fach Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin) setzte sich in ihrem studienbegleitenden Praktikum an der Topgraphie des Terrors mit Möglichkeiten und Problematiken der Retrodigitalisierung und anschließenden Nutzung von Zeitungen aus der Zeit der Nationalsozialismus auseinander. Als Ergebnis präsentierte sie auf der AGGB-Tagung einen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen, auch in Hinblick auf die Frage nach der Möglichkeit eines kooperativen Digitalisierungsprojektes und der gemeinschaftlichen Nutzung von Digitalisaten im Rahmen der AGGB.
Das Thema schließt an das AGGB-Treffen 2017 im International Tracing Service in Bad Arolsen an. Dort wurde das Interesse der AGGB an einem gemeinsamen Digitalisierungsprojekt bekundet. Der Vortrag soll den AGGB-Teilnehmer/innen helfen, einen ersten Überblick über die rechtliche Situation zu bekommen.
Frau Atze macht im Voraus darauf aufmerksam, dass sie keine Juristin sei, keine Gewähr für die juristische Auslegung geben könne und rechtliche Rahmenbedingungen nicht immer eindeutig seien.

Der Vortrag drehte sich um folgende Kernfragen:

·         Ist die Digitalisierung urheberrechtlicher Bestände, vor allem von NS-Zeitungen, durch Bibliotheken möglich?

·         Welche Möglichkeiten der Präsentation würde es geben? Können die Digitalisate auch online zur Verfügung gestellt werden?

·         Wäre ein Austausch der Digitalisate unter den AGGB-Mitgliedern möglich, um z.B. Bestandslücken zu schließen?

Strafrechtliche Einschränkungen:
Die Bereitstellung von NS-Zeitungen kann gegen verschiedene Paragraphen des Strafgesetzbuches (z.B. Volksverhetzung) verstoßen.
Aufgrund der Sozialadäquanzklausel (§86 StGB), des Tatbestandsausschlusses (§131) und der Freiheit von Kunst und Wissenschaft (§5 GG) ist die Bereitstellung durch Bibliotheken jedoch möglich, wenn dies der Wissenschaft bzw. der staatsbürgerlichen Aufklärung dient.
Wichtig ist eine Umgebung, bei der die Distanz zum Inhalt der Werke erkennbar ist (dies wäre auch bei einer Online-Bereitstellung zu beachten).
Aufgrund des Jugendschutzes bedarf es einer Zugangsbarriere für Minderjährige. Eine Altersprüfung wäre entsprechend auch für Digitalisate, die (online) zur Verfügung gestellt werden, nötig.

Urheberrechtlich Einschränkungen und Schranken des Urheberrechts:
Bei Zeitungen und Zeitschriften ist jeder Artikel urheberrechtlich (bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers bzw. 70 Jahre nach Veröffentlichung bei anonymen od. pseudonymen Werken) geschützt. Der Aufwand, für alle Artikel einer Zeitschrift die Rechte einzuholen oder die Gemeinfreiheit feststellen zu lassen, wäre eine kaum zu bewältigende Aufgabe.
Die Schrankenregelungen, die dennoch die Nutzung ohne Zustimmung des Rechteinhabers unter bestimmten Umständen erlauben, sind für Bibliotheken nun zusammengefasst im neuen §60e UrhG. Hierin wird folgendes geregelt. Erlaubt sind

·         Vervielfältigung inkl. Digitalisierung von Werken aus dem eigenen Bestand (Absatz 1)

·         Weitergabe der Vervielfältigungen nur zum Zweck der Restaurierung (Absatz 2)

·         Zugänglich machen digitalisierter Werke in den Räumen der Bibliothek an „Terminals“ (ehemals „elektronische Leseplätze). Die Möglichkeiten und Beschränkungen zur Anschlussnutzung ist deutlicher geregelt als zuvor. (Absatz 4)

Vergriffene Werke
Bei Werken, die vor 1966 erschienen sind und für die kein Verlagsangebot mehr existiert, gibt es die Möglichkeit einer kollektiven Lizenzierung (§§51 und 52 VGG Verwertungsgesellschaftengesetz). Der Lizenzierungsservice ist an der DNB angesiedelt.
Werden vergriffene Werke hier registriert (die Gebühr beläuft sich auf 5 – 15 € pro Werk), können sie, insofern der Urheber keinen Widerspruch einlegt, von der besitzenden Bibliothek vervielfältigt und öffentlich zugänglich gemacht werden (online zur Verfügung gestellt werden).
Für Periodika gibt es aber bisher keinen Lizenzierungsservice (sie sind im Gesetzestext genannt, es fehlt aber die Umsetzungspraxis).

Fazit:
Bibliotheken können ihre eigenen Bestände an Zeitschriften aus der NS-Zeit digitalisieren und in den Räumen der Bibliothek an Terminals zur Verfügung stellen unter Berücksichtigung des Straf- und Jugendschutzgesetzes. Die Zeitschriften online zur Verfügung zu stellen, ist aus Gründen des Urheberrechtes nicht möglich. Die Lizenzierung als vergriffene Werke ist für Zeitschriften noch nicht anwendbar. Der Austausch von Digitalisaten unter den Mitgliedern der AGGB zum Schließen von Bestandslücken ist ebenfalls nicht möglich.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass für den neuen §60e noch die Umsetzungspraxis fehlt. Viele Formulierungen sind mehrdeutig und werden erst durch Gerichtsentscheide eindeutig werden.

2. AGGB-Austausch Digitalisierungsprojekt
Trotz der komplexen Rechtslage ist ein gemeinsames Digitalisierungsprojekt der AGGB-Bibliotheken angedacht – ggf. kann auf einer gemeinsamen Internetseite angezeigt werden, welche Werke in welcher Bibliothek digital vorliegen. Denkbar wäre dies z.B. bei frühen Erinnerungsberichten (erschienen bis einschl. 1949). Monika Sommerer sammelt zunächst diesbzgl. Bestandsinformationen der einzelnen Mitgliedsbibliotheken bis Mitte Juni und tauscht sich mit den Kollegen des ITS bzgl. Digitalisierungsmöglichkeiten aus.

 

AGGB-Runde

1. Bibliothekspädagogisches Projekt „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“

Nathalie Geyer (Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, Ulm) stellte das von ihr betreute bibliothekspädagogische Projekt „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ – Zum  Umgang mit menschenverachtender und demokratiefeindlicher Sprache – vor.

Die Laufzeit des Projektes ist drei Jahre (2017-2019). Ziel des Projektes ist die kritische Auseinandersetzung mit Sprache. In Workshops mit Schüler/innen werden Begriffe (u.a. „Volk“, „Volksgemeinschaft“) anhand von Bild und Textquellen aus dem Bibliotheks- und Archivbestand kontextualisiert und die Wirkung menschenverachtender Sprache verdeutlicht.

Im Zuge des Projektes entstand eine Wanderausstellung und im nächsten Jahr soll eine begleitende Publikation / Handreichung erscheinen. Die Wanderausstellung ist anhand von acht Begriffen (asozial, Heimat, Lügenpresse, Schuldkult, völkisch, Volk, Volksgemeinschaft, Widerstand) strukturiert, welche mit Begriffserklärung, Verwendung in Vergangenheit und Gegenwart und Interpretationsbeispielen beleuchtet werden. Die Ausstellung wird derzeit an zwei Schulen gezeigt.

 

2. Provenienzforschung
Nathalie Geyer (Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg) und Florian Gehringer (Topographie des Terrors) berichten von Provenienzrecherchen in ihren Bibliotheken.

Im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg war der Zufallsfund eines raubgutverdächtigen Buches Ausgangspunkt für weitere Beschäftigung mit der Thematik.

Es wurde ein Buch entdeckt mit einem Stempel des „Instituts für Staatsforschung“ [siehe https://provenienz.gbv.de/Institut_f%C3%BCr_Staatsforschung] sowie einem Provenienzmerkmal, welches das Buch als Eigentum einer vom NS-Staat verfolgten Person ausweist (einem Rechtsanwalt aus Berlin, der nach Riga deportiert und dort ermordet wurde).
Das Buch wurde an die Lost Art-Datenbank gemeldet und der Raubgutverdacht in der DZOK Bibliotheksdatenbank vermerkt.

 

In der Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors wurde vor ca. einem Jahr ein Projekt im Zuge eines Semesterpraktikums gestartet, in dem begonnen wurde, Bücher des Bibliotheksbestandes mit Erscheinungsdatum vor 1945 auf Provenienzmerkmale zu begutachten, diese zu vermerken und bzgl. des Verdachtes auf NS-Raubgut zu beurteilen.
Die Bibliothek besitzt ca. 10.000 Medieneinheiten, die vor 1945 erschienen sind. Die meisten sind als Schenkung in den Besitz der Bibliothek gekommen, des Weiteren durch Schriftentausch oder antiquarischen Kauf.
Mit Microsoft Access wurde eine Provenienzdatenbank angelegt, welche vorgestellt wurde. Bisher wurden 374 Bücher aus dem Bibliotheksbestand mit ihren Herkunftsdaten darin verzeichnet. Die Provenienzmerkmale werden als Scan eingebracht und verschriftlicht und sind somit im MS-Access-Projekt recherchierbar. Ebenfalls eingetragen wird, wie das Buch in die Topographie des Terrors kam, insofern dies nachvollziehbar ist. Vermerkt wird auch, ob die Bücher als ‚NS-Raubgut verdächtig‘ eingestuft werden.
Im Anschluss wurde ein Buch vorgestellt, welches als raubgutverdächtig eingestuft wurde. Es stammt aus dem Besitz einer nachweislich von Verfolgung im Nationalsozialismus betroffenen Person, deren Bibliotheksbestände in der NS-Zeit beschlagnahmt wurden, teils nach dem Krieg von der Person jedoch wieder in Besitz genommen wurden.
Das Projekt ruht derzeit aus personellen Gründen, soll aber so bald wie möglich fortgesetzt werden. Die Grundstruktur des MS-Access-Projektes kann auf Wunsch interessierten Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden.

 

„Gedenkstättenbibliotheken – zur Bestimmung eines Bibliothektyps“

Helen Thein stellte das Ergebnis ihrer Masterarbeit (2016, Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Fernstudium an der Humboldt Universität zu Berlin) vor und wies die AGGB auf ihr 20jähriges Jubiläum hin!
Frau Thein untersucht in ihrer Arbeit den Bibliothekstypus der „Gedenkstättenbibliothek“ und weist dabei auf den bibliothekarischen Beitrag dieses Typus zur Gedenkkultur hin.
Der Vortrag beinhaltet einen Abriss der Geschichte der (unterschiedlichen) Gedenkstättenkulturen in der DDR und der BRD, und die Geschichte und die Funktionen der Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken. Grundstein der Arbeit sind Experteninterviews, die Frau Thein mit Leiter/innen von Gedenkstättenbibliotheken führte.
Eine überarbeitete Form der Masterarbeit erschien in der Reihe „Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ und ist online auf dem edoc-Server der Humboldt-Universität verfügbar: http://edoc.hu-berlin.de/18452/19122

 

Freitag, 16.03.2018

Sammlung Spanischer Bürgerkrieg. Ein privates Archiv zum Engagement

Dr. Christof Kuglers Privatsammlung, die dieser seit 1984 systematisch aufbaut, zeigt anhand von Primärquellen aus der Zeit 1936-1939 den Blick des deutschsprachigen Exils auf den spanischen Bürgerkrieg und auch dessen Beurteilung im Nachkriegsdeutschland, vor allem in der DDR. Ein Hauptmerkmal dieser editionsgeschichtlichen und bibliographischen Annäherung ist dabei der „Kunstaspekt, der von Deutschen entwickelte wurde“. Seine Privatsammlung umfasst ca. 40 m. Herr Kugler hat über die Jahre intensive Geschäftsbeziehungen zu verschiedenen Antiquariaten in Berlin, London und San Francisco aufgebaut. Seit 2004 erfolgen Ankäufe auch über das Internet.

Die Bestände sind über einen internen OPAC erfasst. Neben der Originalliteratur umfasst die Sammlung u.a. 550 – 600 Veröffentlichungen aus der DDR (Hans Beimler) und 560 Titel Sekundärliteratur (Teilnachlass Sylvia Schlenstedt).

Nähere Informationen unter: https://www.spanish-civil-war-collection.com/

Das Privatarchiv kann zur Forschung genutzt werden. Herr Dr. Kugler stellt seine Werke auch für Ausstellung zur Verfügung.

 

Der Fachinformationsdienst (FID) Jüdische Studien

Frau Dr. Rachel Heuberger stellt die Fachinformationen für Jüdische Studien und Israel Studien vor.

Der FID Jüdische Studien baut auf den früheren Sondersammelgebieten „Wissenschaft des Judentums“ und „Israel“ auf, die von 1949 bis 2015 betreut wurden. Die Sammlung umfasst umfangreiche historische und moderne Buch- und Zeitschriftenbestände sowie digitale Sammlungen und zählt international zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Beständen ihrer Art.

Der Aufbau eines spezialisierten, fachübergreifenden FID-Suchportals hat das Ziel, sowohl die Bestände der UB Frankfurt als auch weitere Bestände zu präsentieren. Hier wird mit dem FID  Nahost-, Nordafrika- und Islamstudien der UB Halle kooperiert.

Mit dem Kooperationspartner UB Halle wird ein virtueller Fachkatalog aufgebaut. Die größte Herausforderung ist die Transliteration der Schriften. Die Kontextualisierung erfolgt auf der Basis der Normdaten (vgl. auch www.judaicalink.org/).

Die DFG fördert das Projekt bis Mitte 2019. Der Antrag für eine weitere Förderung für 3 Jahre läuft derzeit.

Die AGGB-Bibliotheken können sich bei der Aufnahme hebräischer Titel in ihren jeweiligen Katalogen an den nach Normdaten aufgenommen Titeln in Frankfurt/M. orientieren!

 

Einrichten im Übergang. Das Aufnahmelager Gießen (1946-1990)

Frau Dr. habil. Jeanette van Laak hat sich in ihrer Habilitationsschrift mit dem Aufnahmelager Gießen beschäftigt.

In ihrem sehr detaillierten Vortrag berichtete sie über die Entwicklung des Lagers: Das sogenannte Notaufnahmegesetz von 1950 bewirkte die Wandlung des als Nachkriegslager genutzten Geländes zur zentralen Anlaufstelle - neben den Aufnahmelagern Marienfelde und Uelzen-Bohldamm - für alle Flüchtlinge aus der DDR, die insbesondere nach dem gescheiterten Aufstand vom 17. Juni 1953 in großen Zahlen das Land verließen. Frau van Laak erwähnte auch die Arbeit der Geheimdienste im Lager. Die Flüchtlinge wurden befragt, ohne zu wissen, mit wem sie das Gespräch führten.

Bis zur deutschen Wiedervereinigung wurde die Einrichtung von 900.000 Flüchtlingen und Übersiedlern aus der DDR in Anspruch genommen.

Im Juni 1990 schloss das Bundesnotaufnahmelager in Gießen. Heute wird es als Erstaufnahmelager für Flüchtlinge genutzt.

Jaenette van Laak: Einrichten im Übergang. Das Aufnahmelager Gießen (1946-1990), Frankfurt/M.: Campus, 2017

 

 

 

Abschlussrunde

Das nächste Treffen findet voraussichtlich vom 27.3. bis zum 29.3.2019 im Institut für Zeitgeschichte in München mit einem halben Tag in Dachau statt.

Ideen für Programmpunkte: Vorstellung der Deutschen Historischen Bibliografie, Besuch des FID Geschichte in der Bayer. Staatsbibliothek, Dokumentenserver des IfZ, Projektvorstellung: Privatheit in der NS-Zeit

Christian Höschler vom ITS wird gebeten, die Digitalisierungsstandards der DFG zur Verfügung zu stellen.

Frau Haardt bittet um Zusendung von Organigrammen der Gedenkstätten (für Stellenbegründung).

Peter Egger regt als Programmpunkt für 2019 an: Die Stellung der Bibliothek in der eigenen Institution.

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Teilnehmende

Altmeyer, Thomas (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945)

Atze, Lovis

Böhmer, Konrad (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945)

Drost, Sebastian (Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Ebers, Tanja (Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR)

Egger, Peter (Mauthausen Memorial)

Eulenburg, Amélie zu (Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam)

Faupel, Susann (Haus der Wansee-Konferenz)

Fischer, Georg (KZ-Gedenkstätte Neckarelz)

Ganser, Lars (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit)

Gehringer, Florian (Topographie des Terrors)

Geyer, Natalie (KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg)

Haardt, Miriam (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit)

Henschel, Anja (KZ-Gedenkstätte Dachau)

Hofmann, Martin (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma)

Höschler, Christian (ITS Bad Arolsen)

Jung, Maria (Bundesstiftung zur Aufarbeit der SED-Diktatur)

Kieras, Carola (KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Lamey-Utku, Caroline (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Lochner, Stefan (Gedenkstätte Buchenwald)

Mann, Mathias (Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Müller, Barbara (Gedenkstätte Sachsenhausen)

Poltersdorf, Guido (Dokumentationszentrum des Landes für die Opfer der Diktaturen in Deutschland)

Rathjen, Corinna (KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen)

Schiffler, Arne (KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Schmitt, Stephanie (KZ-Gedenkstätte Osthofen)

Schnell, Monika (KZ-Gedenkstätte Ravensbrück)

Sommerer, Monika (Haus der Wannsee-Konferenz)

Sürth, Astrid (NS-Dokumentationszentrum Köln)

Tätzler, Klaus (KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen)

Thein, Helen (Zentrum für Zeithistorische Forschung)

Trettner, Barbara (Anne-Frank-Shoah-Bibliothek (DNB))

Welker, Barbara (Centrum Judaicum)

Wilhelm, Michaela (Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945)