Restitution nach 1945. Ein Schrecken ohne Ende??

Veronica Albrink

Sachsenhausen/ März 2004

Restitution nach 1945. Ein Schrecken ohne Ende??1

1. Abtasten des Gegenstandes

Julius Posener, Jahrgang 1904, 1935 emigriert nach Palästina, seit 1941 als Freiwilliger in Diensten der britischen Armee, erlebt und sieht viel in seiner alten Heimat Deutschland, als er im April 1945 dorthin zurückkehrt. Als Garrison Engineer, als technischer Offizier einer Brigade, und später als Political Intelligence Officer hat er engen Kontakt zur deutschen Bevölkerung. So unterhält er sich im Herbst 45 mit einer Deutschen, die der Meinung ist, daß angesichts antisemitischer Strömungen in anderen Ländern, das Nachkriegsdeutschland nicht mehr die schlechteste Zuflucht sei.

""Du solltest wieder nach Deutschland kommen", sagte sie. "Ihr solltet alle wiederkommen. Du wirst sehen: Für die nächsten Jahrzehnte wird Deutschland das Land sein, in dem Juden am besten leben können. Wir haben die Sache hinter uns, die anderwärts noch nicht überwunden ist. Es wäre auch für uns gut, wenn ihr wiederkämt. Ihr werdet das Geschäft schon wieder in Gang bringen. Und dann habt ihr doch jetzt jedes Recht und jede Möglichkeit, hier eine große und auf jeden Fall privilegierte Rolle zu spielen." - "Gesetzt den Fall", gab ich zurück, "Juden muten es sich zu, nach allem, was geschehen ist, wieder herzukommen und unter einem Volk zu leben, das ihnen so begegnet ist wie das deutsche: Bist du sicher, die Aufnahme würde so günstig sein? Diese Juden haben, wie du sagst, Rechte, zumindest das, ihren vorigen Besitz wiederzuerhalten. Dieser Besitz ist inzwischen von Hand zu Hand gegangen. Es ist in den seltensten Fällen der Nazi heute noch der Nutznießer: Ein Volk bereut ganz gern; aber Leute lassen sich ungern aus Häusern hinauswerfen, die sie sich gewöhnt haben als ihre Häuser anzusehen." Der Einwand verfing, und sie zuckte die Achseln: Vielleicht wäre es doch besser so, daß nicht allzu viele kämen."2 Julius Posener hat - das sei am Rande bemerkt - den Schritt später gewagt und ist nach Deutschland, in seine Heimatstadt Berlin, zurückgekehrt. 1961 wurde er an den Lehrstuhl für Baugeschichte der Hochschule der Künste berufen. Nach dem Doyen der deutschen Architekturgeschichte ist ein Institut in Berlin benannt worden.3

Dialoge wie den zitierten konnte man in den Nachkriegsjahren häufiger führen. Noch zu Beginn der 60er Jahre zeichneten Wissenschaftler, Journalisten und Schriftsteller ein düsteres Bild von der deutschen (bundesrepublikanischen) Stimmungslage. Bescheinigt wurde ein nach wie vor obwaltender Antisemitismus und eine breite Befürwortung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, sogar von Mitarbeitern in Wiedergutmachungsämtern. Gleichzeitig, und das knüpft an das obige Zitat an, sah Heinrich Böll die Juden in einer privilegierten und prekären Position. Die kollektiv und diffus gefühlte Schuld schütze die Juden, mache sie gleichsam unantastbar. Das steht keineswegs im Widerspruch zu dem latenten und offenen Antisemitismus, dem sich zurückkehrende Juden ausgesetzt sahen. Der von Böll so bezeichnete moralisch begründete "Schutzbrief" nährte eher noch die Ressentiments.Die Auseinandersetzungen um die Wiedergutmachung taten ihr Übriges.

In der sogenannten Wiedergutmachungspolitik nach ´45 fokussiert sich gewissermaßen die deutsche Nachkriegsgeschichte. In ihr bündeln sich jene Kräfte und Bewußtseinslagen, die den unumgänglichen Umbau einer militaristisch und faschistisch geprägten Gesellschaft in eine bürgerliche Zivilgesellschaft entscheidend beeinflußten. Ein nur schwer zu durchschauendes Dickicht von gegenläufigen Strömungen, Parteiungen und Interessen sowohl der unter dem Nationalsozialismus Verfolgten wie auch der Alliierten und der deutschen Gesellschaft bildete den Untergrund für die politischen und juristischen Maßnahmen im Rahmen der Wiedergutmachung. Weder konnten sich die Alliierten auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen, noch waren die jüdischen Organisationen einer Meinung darüber, wie die Entschädigungsleistungen aussehen sollten, von den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik ganz zu schweigen. Nach der Gründung der Bundesrepublik gab es in der Öffentlichkeit eine breite Front vor allem gegen die Rückerstattung jüdischen Eigentums aus privater Hand. Rückerstattungspflichtige schlossen sich zu Verbänden zusammen und bildeten 1950 einen mitgliederstarken Bundesverband für loyale Restitution, um massiv gegen die Erfüllung der alliierten Rückerstattungsgesetzgebung zu agitieren. Bemühungen gegen eine Abmilderung der Rückerstattungsauflagen fanden große Resonanz und Unterstützung in der deutschen Bevölkerung. Anschaulich belegt dies eine Befragung des Allensbacher Instituts vom August 1949. "Wenn ein Nichtjude nach 1933 ein jüdisches Geschäft gekauft hat, und der frühere Besitzer verlangt nun die Rückgabe unter den gleichen Bedingungen: würden Sie sagen, seine Ansprüche bestehen zu Recht oder zu Unrecht?" Unter der Voraussetzung, daß das NS-Regime die eindeutige Ursache des Verkaufs gewesen war, sahen 39 % der Befragten den Anspruch als berechtigt an. 28% meinten, die Forderung "werde zu Unrecht erhoben", 25 % zogen sich auf die Aussage "Kommt darauf an" zurück und 8 % waren unentschieden.5

Wenn von Wiedergutmachung, das heißt Entschädigung und Restitution, die Rede ist, denkt man unmittelbar an diesen Kontext: an die Bewältigung der Verbrechen gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Europa, an die Rückerstattung jüdischen Eigentums vor allem aus privater Hand, an Häuser, Fabriken, Grundstücke, an den schon mythisch verbrämten sogenannten jüdischen "Goldschatz" bzw. das "Judengold". Die öffentlichkeitswirksame, teilweise (sensationsheischende) skandalträchtige Medienberichterstattung der letzten Jahre vor Augen, denkt man vielleicht auch noch an berühmte Gemälde oder andere Kunstwerke. An Bücher, insbesondere an Taschenbücher, denkt man wohl kaum. Ebensowenig denkt man an die Logen der Freimaurer, Kommunisten, Sozialisten, an Klöster, an die Zeugen Jehovas, kurz: an die übrigen Verfolgten der nationalsozialistischen Zeit. Auch die Ausplünderung der östlichen besetzten Länder kommt einem dabei nicht unmittelbar in den Sinn.

Die Wiedergutmachungspolitik, ein Teil der heute auch als Vergangenheitspolitik bezeichneten Bemühungen, die verheerenden Folgen des deutschen Faschismus zu bewältigen, betraf selbstverständlich primär die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung. So wie sie eine zentrale Rolle spielte bei den Versuchen der überlebenden Juden, sich wieder eine Existenz aufzubauen.
Zwei Formen der Wiedergutmachung sind grundsätzlich zu unterscheiden: die Restitution und die Entschädigung. Während die Restitution die tatsächliche Rückgabe ehemaliger Eigentumswerte an die Berechtigten meint, tritt die Entschädigung als finanzielle Leistung dann ein, wenn verlorengegangenes Eigentum sich als unwiederbringlich herausstellt.

Als Restitution wird allerdings auch bezeichnet, wenn bewegliche Güter, die nach 1939 widerrechtlich von den Nationalsozialisten in das Deutsche Reich einschließlich Österreich transferiert worden waren, nach dem Krieg wieder in ihre Ursprungsländer verbracht wurden. Darunter fallen zuallererst die Bestandsverschiebungen im Zuge des Kunst- und Kulturgutraubes der Nationalsozialisten.Der geläufige Begriff der "Beutekunst" umfaßt nach allgemeinem Verständnis beide Formen des unrechtmäßigen Entzuges: den Entzug aus öffentlichen Sammlungen der besetzten Länder im Verfolg der Kriegshandlungen und den NS-verfolgungsbedingten Entzug. Um die komplexen und strukturell sehr verschiedenen Erscheinungsformen der nationalsozialistischen Raubdelikte juristisch und politisch korrekt einzuordnen und auseinanderzuhalten, unterscheidet man heute jedoch zwischen "Beutegut" oder auch "Beutekunst" und "Raubgut".

Unter die Kategorie Beutekunst fallen nur Kunstwerke und andere kulturelle Wertgegenstände, die durch kriegfüh-rende Staaten in besetzten Gebieten gesetzwidrig geraubt oder kon-fisziert wurden. Üblicherweise wird in diesem Zusammenhang auf die Haager Landkriegsordnung von 1907 verwiesen, deren Artikel 56 für die Zeit der Kriegsführung jedwede Beschlagnahme, Zerstörung oder Beschädigung von geschichtlichen Denkmälern, Werken der Kunst und Wissenschaft verbietet und unter Strafe stellt. Kulturgüter in öffentlichem Besitz, die dem allgemei-nen Wohl oder der Wissenschaft dienen, werden behandelt wie Privatvermögen, das allenfalls vorübergehend konfisziert werden darf, nach Kriegsende jedoch umgehend restituiert werden muß.Der Grundsatz, daß kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter vom geltenden Völkerrecht geschützt werden, war maß-gebend für die scharfe Verurteilung der nationalsozialistischen Raubzüge bei den Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Seitdem ist der Artikel 56 der Haager Landkriegsordnung als Völkergewohnheitsrecht international etabliert.Die dadurch festgelegte juristische Betrachtungsweise von Beutekunst hat auch Konsequenzen für die hier interessierende Frage der Rückerstattung. Diese erfolgt nämlich aufgrund völkerrechtlicher Prinzipien und diplomatischer Verbindlichkeiten, mithin aufgrund von internationalen Verträgen und Vereinbarungen. Deshalb sind die gemeinhin unter dem Schlagwort "Beutekunst" zusammengefaßten kriegsbedingt verbrachten Kulturgüter von den jüngsten politischen Initiativen zur Klärung der offenen Vermögensfragen aus der Zeit des Holocaust ausgeklammert. Auch die institutionellen Zuständigkeiten sind andere als bei Rückerstattungen, die im Rahmen von Raubgutfällen durchgeführt werden. Als zentrale Anlaufstelle, neben dem Außenministerium, fungieren hier die Bundesbeauftragte für Angelegenheiten der Kultur und Medien in Berlin und die Magdeburger Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste. Das Berliner Referat K 13 war beim Bundesministerium des Innern angesiedelt, bis es 1998 zum neu geschaffenen Amt des Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien (BKM) verlagert wurde. Es befasst sich vorrangig mit der Rückführung kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter. Mit dem Komplex "NS-Raubgut" beschäftigt sich das BKM erst seit wenigen Jahren, nachdem Anfragen jüdischer Eigentümer und die neueren Forschungsaktivitäten von Historikern das Problem deutlich machten.Für die Rückgabe von Beutegut gibt es - ein weiterer Unterschied zum Raubgut - im zwischenstaatlichen, völkerrechtlichen Bereich meist keine Fristen, die einzuhalten wären. Ein zeitlicher Zwang entsteht eher dadurch, daß Kulturgüter vor Jahrzehnten verschleppt und verborgen worden sind, wobei die Aufbewahrung unter Umständen nicht bestandserhaltend ist, und durch die Zugriffsmöglichkeit des sogenannten "grauen Markts" bzw. durch Zerstreuung.10 Demgegenüber erfolgte die Restitution von Raubgut oder - wie man seit 1999 gewohnt ist zu sagen - von NS-verfol-gungsbedingt entzogenen Kulturgütern nach Maßgabe der alliierten Rückerstattungsgesetze und unter Aufsicht der alliierten Militärregierungen bzw. später aufgrund der bun-desdeutschen Gesetzgebung, nach den Richtlinien der Bundesrückerstattungs- und Entschädigungsgesetze von 1949, 1953 und 1957 für die Altbundesländer.11 Hier galten strikte Anspruchsmeldefristen, ebenso wie in Österreich, wo zwischen 1946 und 1949 insgesamt sieben Gesetze zum Zweck der Wiedergutmachung erlassen wurden. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wurde die Wiedergutmachung de facto nicht betrieben, seit der Wiedervereinigung bildet das Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen für das Beitrittsgebiet die Rechtsgrundlage, nach der gehandelt wird. Zuständig waren in der Bundesrepublik das Finanzministerium bzw. die zuständigen Finanzverwaltungen einschließlich der Oberfinanzdirektion in Berlin und die Justizverwaltung bis hin zu den Wiedergutmachungsämtern. Heutzutage sollen bei Restitutionsvorhaben seitens öffentlicher Kultureinrichtungen die Oberfinanzdirektion in Berlin Moabit und die Magdeburger Koordinierungsstelle eingeschaltet werden.12

Die gegenwärtigen internationalen Diskussionen und politischen Initiativen fragen nach dem Verbleib des geraubten jüdischen Eigentums. Die Frage nach der Beraubung von Gewerkschaften, Parteien, religiösen und karitativen Organisationen etc. oder die Frage nach dem geraubten Eigentum aus den besetzten Gebieten bleibt weitgehend ausgeklammert, obwohl die strikte Trennung beider Probleme in der Praxis erfahrungsgemäß nicht immer durchzuhalten ist. Denn natürlich gibt es Überschneidungen. So handelt es sich, legt man die juristischen Vorgaben streng aus, bei geraubten Gütern aus Privatbesitz keineswegs um NS-verfolgungsbedingt entzogene, wenn deren Eigentümer nicht zu den von den Nationalsozialisten verfolgten Opfergruppen gehörten. Bekanntlich wurden jedoch ungeheure Mengen an Buchbeständen während des Krieges im Ausland geraubt und verlagert, die eben auch aus jüdischen Bibliotheken, aus Freimaurerbibliotheken, aus sozialwissen-schaftlichen Forschungsinstituten, also aus dem Besitz der zu Hauptgegnern des Nationalsozialismus erklärten Organisationen und Gruppen stammten. Der Raub polnischer Privatbibliotheken gehört ebenfalls zu diesen Grenzfällen, da das polnische Volk aus rassenpolitischen Gründen besonders unter der nationalsozialistischen Okkupation zu leiden hatte und man insofern in der gezielten Unterdrückung, Diskriminierung und Enteignung polnischer Staatsbürger durchaus den Verfolgungstatbestand erfüllt sehen kann.

Zumindest kann man in der Zerstörung von Wohnhäusern und der Plünderung von Bibliotheken polnischer Gutsbesitzer durchaus davon sprechen, daß hier gezielt ein Angriff auf das Eigentum und die individuelle Existenz des Betreffenden erfolgte ebenso wie es bei der Auslöschung der polnischen Intelligenzia darum ging, Individuen, sofern sie dieser Gruppe zugerechnet wurden, zu ermorden. Damit soll die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung mitnichten relativiert werden, allein die quantitative Dimension und die Totalitarität, mit der hier vorgegangen wurde, widerspricht dem. Es soll nur darauf verwiesen werden, daß bei Restitutionsfragen die juristisch klaren Trennlinien im konkreten Fall nicht immer so scharf gezogen werden können.
Dies wird auch deutlich, wenn man sich näher mit der Restitution von Büchern bzw. Bibliotheken befaßt.

 

2. Bücher aus fremder Hand und ihre Restitution in der Nachkriegszeit

In dem Maße, wie die historische Forschung in den letzten Jahren intensiv das Thema "Arisierung" verfolgt, gerät naturgemäß auch der damit unmittelbar zusammenhängende Komplex der Beute- bzw. Raubgut-Restitution stärker in den Blick.
Trotzdem ist es sehr schwierig, sich ein Bild von den Vorgängen zu machen. Das gilt insbesondere für die Frage nach der Restitution von Büchern, Handschriften, Autographensammlungen oder Noten. Die Nachrichten darüber sind sehr verstreut und, was schwerer wiegt, über Restitutionen aus deutschen Bibliotheken findet sich kaum etwas. Wie der Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen schon 1999 deutlich machte: Es gibt keine kohärente Zusammenstellung von Informationen über die Rückerstattung von Bibliotheken. Es gibt Fundstücke. Und die meisten dieser einzelnen Nachrichten datieren entweder aus der unmittelbaren Nachkriegszeit oder aus den vergangenen Jahren. Die Zeitspanne von Anfang der 50er Jahre bis zu den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts liefert, wenn ich dies richtig sehe, kaum Hinweise auf die Rückerstattung von Büchern. Dies trifft insbesondere auf Rückerstattungen aus deutschen Bibliotheken zu.

Dieses Defizit läßt sich begründen. Das Problem beginnt bereits bei der Frage nach dem Raub und der Beschlagnahme von Büchern. Zwar sind in den letzten Jahren fundierte Arbeiten zum Thema Kulturgutraub vorgelegt worden, die auf breitangelegten Archivrecherchen im In- und Ausland basieren. Jedoch betreffen die dabei erzielten Befunde meist Kunstwerke oder kunsthandwerkliche Objekte. Bücher als Beute- und Raubgut sind in den Quellen schwer greifbar. Schon beim Delikt selbst existiert also bereits das Problem des Nachweises.
So verwundert es nicht, daß auch im Hinblick auf die Restitution dieses Ungleichgewicht besteht. Schon 1948 diagnostizierte Leslie I. Poste, ein Bibliothekswissenschaftler an der Library School der University of Chicago dieses Mißverhältnis. Und Poste mußte es wissen, kam er doch im Oktober 1945 nach Deutschland als Offizier der Monuments, Fine Arts and Archives Sektion der 7. Armee. Die MFA & A war nach dem Krieg im amerikanischen Sektor zuständig für die Suche nach Beute- und Raubgut, dessen Sammlung und Restituierung.13 
Bei den Rückgaben von Kulturgütern stehen bis heute stets Kunstwerke im Vordergrund. "Sie sind spektakulär in der öffentlichen Diskussion" - die Presseberichte der letzten Jahre über verschiedene Beutegut-Affären demonstrieren dies zur Genüge -, "sie sind definierbar als Einzelfälle, ihre Zuordnung ist rekonstruierbar" - und dies ist ein ganz entscheidender Punkt im Vergleich zur Massenware Buch, "und es gibt eine starke politische Lobby" - was sicher mit dem Charakter des Unikates und dem unvergleichlich höheren materiellen Wert von Kunstobjekten zusammenhängt. Die Unverwechselbarkeit des Kunstwerkes - im Gegensatz zum Buch - erhöht schließlich auch dessen identitätsstiftende und damit symbolische Bedeutung. Für die weitaus intensiveren Anstrengungen im Kunstbereich bietet - wie deren Präsident Lehmann anschaulich vorführt - schon die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein eindrucksvolles Beispiel: Zwischen 1999 und 2002 hat die Stiftung eine Zeichnung von van Gogh, ein Gemälde von Hans von Marées, eines von Kanoldt, eine Zeichnung von Otto Mueller, ein Gemälde von Tiepolo, Zeichnungen von Slevogt, Tuschezeichnungen von Corinth, Aquarelle von Karl Walser und ein Relief von Thorvaldsen an die jeweiligen Erben der ursprünglichen Eigentümer restituiert. Auch wenn Lehmann beteuert, daß diese Einseitigkeit nicht beabsichtigt war und ist. Die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin hat noch kein Buch zurückgegeben und - soweit wir wissen - mit einer konzertierten Suche nach noch vorhandenem Raubgut aus der nationalsozialistischen Zeit auch nicht begonnen.

Die Praxis der Restitution von Büchern ist also im Vergleich zu der Rückgabe von Kunstwerken ungleich schwieriger. Abgesehen davon, daß die überlieferten Quellen oft keine Spur zu den geraubten Büchern legen, erschwert die Suche danach und die Aufklärung der Provenienz solcher Bücher ihre unüberschaubare Zahl und die Tatsache, daß sie oft nicht verlässlich registriert wurden. Hinzu kommt, daß ehemals zusammengehörige Bestände aus privaten und öffentlichen, profanen und sakralen Sammlungen im Zuge der Verteilung und abermaligen Weitergabe auseinandergerissen wurden. Eine nicht zu beziffernde Masse von Büchern wurde schließlich auch der Vernichtung preisgegeben, entweder schon am Ort der widerrechtlichen Inbesitznahme oder am Ende der "Verwertungskette" bspw. in den Bibliotheken, weil diese Titel dort schon vorhanden waren oder nicht in das Bestandsprofil zu passen schienen. Das Hauptproblem besteht aber darin, daß man nicht weiß, wonach man exakt sucht, wenn man sich auf die Suche nach geraubten Büchern begibt. Anders als bei Kunstwerken gibt es für Bibliotheken kaum private Kataloge oder Eigentümerlisten, mit deren Hilfe die verlustig gegangenen Werke einerseits und das rechtmäßige Eigentum andererseits festgestellt werden könnten. Und im Unterschied etwa zu Kunstmuseen erfaßten und erfassen Bibliotheken die Provenienzen bei ihren Zugängen nur ausnahmsweise. Erfaßt wird und wurde lediglich, woher die Bücher kamen, welche Dienststelle sie abgab, welcher Antiquar sie verkaufte. Auch das Erinnerungsvermögen von Zeitzeugen, das erwiesenermaßen entscheidend den Erfolg von Rückgabevorhaben beeinflußte, ist keine Hilfe. Denn an einzelne Titel einer Privatbibliothek dürften sich Zeugen verständlicherweise kaum mehr erinnern. Während für die Suche nach Kunst- und Sammlerstücken die Fachliteratur, Ausstellungskataloge, Werkverzeichnisse oder Auktionskataloge wichtige Informationen liefern, stehen solcherart Auskunftsmittel bei Büchern nicht zur Verfügung, es sei denn, es handelt sich um Inkunabeln, Autographen oder andere bibliophile Kostbarkeiten. Diese Schwierigkeiten bei der Identifizierung von beschlagnahmten und geraubten Büchern behinderten Rückgabevorhaben unmittelbar nach dem Krieg nicht in dem Maß, wie das heute der Fall ist, aber sie existierten.

Hinzu kamen die eigenen, durchaus gewichtigen Probleme der Bibliotheken selbst. Das deutsche Bibliothekswesen war, bedingt durch die nationalsozialistische Bibliotheks- und Literaturpolitik, durch Bombenkrieg und Kriegsschäden, durch den personellen Aderlaß aufgrund der Berufsverbote und der Einberufungen ein Trümmerfeld. Die Kataloge, Buchbestände und Verwaltungsunterlagen waren verstreut und/oder vernichtet, Buchproduktion und Buchhandel waren zum Erliegen gekommen, die Gebäude beschädigt oder zerstört. Für Provenienzrecherchen und die Suche nach beschlagnahmten und geraubten Büchern eine nicht eben günstige Voraussetzung. Trotzdem fragt man sich, warum in späteren Jahren, als die Reorganisationsphase langsam zum Abschluß kam, als die Literaturversorgung wieder funktionierte und die erhaltenen Bestände zusammengeführt worden waren, die Rückerstattung von Beute- und Raubgut weder in der bibliothekarischen Öffentlichkeit noch in den einzelnen Bibliotheken eine Rolle gespielt zu haben scheint. Eine mögliche Antwort darauf läßt sich meines Erachtens finden, wenn man die Gesamtumstände der Restitutionspolitik und die einzelnen Restitutionsfälle betrachtet, die Bücher betrafen und bisher überhaupt bekannt geworden sind.

Obwohl die Ausplünderung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und die nationalsozialistische Okkupationspolitik in den letzten Jahren international erforscht, auf vielfältige Weise dokumentiert und analysiert worden sind, bleiben noch zahlreiche Blindstellen. Dazu zählt unter anderem, daß der Kunst- und Kulturgutraub in den besetzten Ländern relativ gut erforscht ist, die vielfältigen Formen der Entziehung im Deutschen Reich jedoch noch weitgehend unbekannt sind. Die bisher bekannten Vorgänge betreffen fast ausschließlich Beschlagnahmungen, die in den 40er Jahren, also in der Endphase der Judenverfolgung, und nach der Besetzung der west- und osteuropäischen Länder stattfanden.

Zweifellos begünstigte die sogenannte "Sicherstellung" von Kunstgegenständen, Büchern und Musikalien Privatleute ebenso wie öffentliche Sammlungen und Forschungsinstitute im "Altreich". Die Besitzwechsel und Bestandsverschiebungen setzten ihrem Umfang nach völlig neue Maßstäbe. Das wahre Ausmaß zu quantifizieren und für den gigantischen Raubzug der Geschichte eine rechnerisch richtige "Erfolgsbilanz" zu erstellen, dürfte indessen kaum je möglich sein. Die verfügbaren Zahlen beziehen sich immer nur auf bestimmte Vorgänge, die auch in ihrer Summe nicht den wirklichen Umfang des Kulturgutraubes abzubilden vermögen. Quantitative Aussagen können folglich nur für einen begrenzten Rahmen Gültigkeit beanspruchen. Ähnlich verhält es sich mit den Versuchen, das nationalsozialistische Unrecht wiedergutzumachen. Es gibt keine Entschädigungs- und keine Rückerstattungsstatistik, die den Zeitraum von 1945 bis heute umfaßt und an dem man Erfolg oder Mißerfolg der Wiedergutmachung statistisch messen könnte. Diesen Vorbehalt muß man den Zahlen, die kursieren, vorausschicken.

Neueren Schätzungen zufolge verfügten die rund 550.000 Juden im Deutschen Reich 1933 über ein Vermögen von 16 Milliarden RM. Ca. ein Viertel davon konnten sie ins Ausland transferieren, also 4 Milliarden. Die Juden in Österreich besaßen 1938 ein Vermögen von etwa 2,6 bis 2,9 Milliarden RM, wovon ca. 21 % oder 550 Millionen RM transferiert werden konnten. Restituiert wurde seitens der Bundesrepublik wiederauffindbares jüdisches Eigentum im Wert von etwa 3,5 Milliarden DM aufgrund der alliierten Rückerstattungsgesetze. 1, 26 Milliarden DM flossen als Entschädigungsleistungen im Rahmen des Bundesentschädigungsgesetzes für Vermögensschäden. Weitere Leistungen, die sich zum Teil jedoch auf ausländisches jüdisches Eigentum bezogen, bildeten die vier Milliarden DM, die aufgrund des Bundesrückerstattungsgesetzes von 1957 geleistet wurden. 450 Millionen DM gingen nach 1952 als Gegenleistung für erbenloses jüdisches Eigentum an die Jewish Conference on Material Claims against Germany. Vor einiger Zeit wurde im Zusammenhang mit der Errichtung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" zusätzlich eine einmalige Zahlung von einer Milliarde DM für Vermögensschäden beschlossen, die weitgehend ebenfalls zur Entschädigung jüdischer Ansprüche eingesetzt werden soll. Für Österreich fehlen entsprechende Bilanzen.

Diese finanziellen Dimensionen lassen leicht die Dimension des Genozids in den Hintergrund treten. Es sei deshalb nur daran erinnert, daß in Deutschland und Österreich immerhin ca. 30% der jüdischen Bevölkerung ermordet wurden, nicht gerechnet jene Opfer, die auf der Flucht oder später im Exil an den Folgen der nationalsozialistischen Rassenpolitik gestorben sind. Die finanzielle oder materielle Betrachtung der Wiedergutmachungspolitik läßt auch einen weiteren Gesichtspunkt unberücksichtigt: die mit persönlichen Besitzstücken verbundenen ideellen Werte. Der Raub und die Zerstörung von Bibliotheken unter den Nationalsozialisten stellt sich so gesehen auch als eine ungeheure Vernichtung "kulturellen Kapitals" dar, dessen symbolische Bedeutung für die individuelle und kollektive Identitätskonstruktion nicht unterschätzt werden darf. Der hohe Wert gerade von Büchern als persönliche Erinnerungsstücke hat sich bei den Rückgaben der letzten Jahre immer wieder eindrucksvoll gezeigt.

Die genannten Summen machen jedenfalls eins deutlich. Es wurde bei weitem nicht soviel restituiert und entschädigt, wie zuvor geraubt worden war. Und dieses Fazit kann auch in bezug auf die hier interessierende Frage nach der Rückgabe von Büchern gezogen werden.

Schon während des Krieges hatten die alliierten Kriegsgegner, aber auch besetzte Länder wie die Niederlande, damit begonnen, Vorkehrungen zur Rückführung der von den Nationalsozialisten erbeuteten Kulturgüter zu treffen. Kommissionen wurden gegründet, die Verlustlisten anfertigten und die verfügbaren Nachrichten über die "Sammeltätigkeit" des nationalsozialistischen Machtapparates zusammenstellten. Direkt nach Kriegsende setzten sich mit Nachdruck auch jüdisch-amerikanische Organisationen für eine organisierte Rückführung unrechtmäßig entzogenen Eigentums jüdischer Provenienz ein. Einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte die Commission on European Jewish Cultural Reconstruction unter der Leitung von Hannah Arendt. Die Kommission erarbeitete Übersichtslisten, in denen ca. 800 geplünderte Bibliotheken, Archive und Museen aufgenommen wurden, wobei man auch hier wiederum berücksichtigen muß, daß diese Zusammenstellung auf Annahmen beruht, da die jüdischen Bibliotheken in Europa vor 1939 nicht erfaßt worden sind.

Die westlichen alliierten Streitkräfte betrieben einen hohen Aufwand, um die von den Nationalsozialisten zusammengetragenen und versteckten Kulturgüter zu finden, zu bergen und nach Möglichkeit den ursprünglichen Eigentümern zurückzugeben. Gezielt suchte man nach den über 2000 Sammeldepots, in denen Kunst- und Kulturgut gebunkert worden war. Auch die Räumung der zahlreichen Auslagerungsorte, an denen deutsche Kultureinrichtungen ihre Bestände vor den Bomben in Sicherheit zu bringen versucht hatten, wurde von den alliierten Streitkräften überwacht und kontrolliert. "Bis 1948 wurden nach amerikanischen Unterlagen mehr als 2 Mio Kunstobjekte an 13 europäische Staaten repatriiert."14 Eine halbe Millionen Kunstgegenstände ging allein in die Sowjetunion. Die amerikanischen Streitkräfte richteten sogenannte Collecting Points und Central Collecting Points ein, um die Bestände aufzunehmen, zu sichten und ihre Herkunft zu klären.15 In der Rothschild Bibliothek in Frankfurt, dem ersten Collecting Point, wurden Bücher, Bibliotheken, Photographien und Autographen zusammengetragen. Raumnot veranlasste aber bald die Suche nach einem geeigneteren Gebäude, das schließlich auf dem Gelände der ehemaligen I.G. Farben Fabrik in Offenbach gefunden wurde. Das fünfstöckige Gebäude diente seit 1946 unter der Bezeichnung "Offenbach Archival Point" oder "Offenbach Collecting Point" als Hauptsammelstelle für Bibliotheken und Bücher. Im Februar 1946 waren hier bereits 1 Millionen Bücher und anderes Material versammelt, das sechs Mitarbeiter sichteten und sortierten. In den kommenden Monaten wurde das Personal auf bis zu 200 Mitarbeiter aufgestockt, im März gingen die ersten 500 Kisten Bücher per Schiff in die Niederlande.16 Per Bahn, Schiff oder Lastwagen gelangten von Offenbach aus hunderttausende Bücher unter anderem in die UDSSR, nach Frankreich und in die Niederlande, nach Belgien, Großbritannien, Italien, Ungarn, die Schweiz, Polen, Griechenland, die Tschechoslowakei, Österreich, Jugoslawien. Bis Ende 1946 konnten mehr als 2.300.000 Bände und über 200.000 andere Gegenstände zurückgeführt werden. 20.000 Bücher wurden der schon seit langem bestehenden amerikanisch-jüdischen Organisation AJDC, dem American Joint Distribution Committee, übergeben für den Unterricht in Displaced Person Camps, wenn man so will, auch eine Form der Restitution.17 Die Sortierarbeiten, die Identifizierung der Bücher und die Feststellung ihrer Herkunft wurde in Arbeitsgruppen geleistet, deren Mitglieder Deutsche waren. Anläßlich des einjährigen Bestehens haben diese deutschen Mitarbeiter des OAD eine Festschrift verfaßt, im Stil der Vereinspostille. Das ist keineswegs unstatthaft und schon gar nicht ungewöhnlich. Auch deshalb habe ich nach der Lektüre dieser "durchgereimten Chronik" lange überlegt. Mich beschäftigten die humorigen, teilweise sarkastischen Reime über die amerikanischen "Bosse" und "widernatürliche" Verwaltungsvorschriften, die Nöte bei der Beschaffung von Zigaretten und zusätzlichen Kalorien, die schalkhaft beschriebenen Eigenheiten von Kollegen und die lustig gemeinten Schilderungen ihrer Sortierqualitäten, die zu falschen Zuordnungen und falschen Verpackungen führten, weil russische und arabische mit hebräischen Werken verwechselt, englische Titel den französischen zugeschlagen wurden etc. "Decken wir über alles den Mantel der mitleidiglächelnden Nächstenliebe und halten wir den Ausspruch des Spötters hoch, der sagte: Deutschland braucht Altpapier!" Abgesehen von der ersten Seite der Broschüre, die offenbar auf den Berichten der OAD-Offiziere basiert und nüchtern die bisherigen Arbeitsergebnisse präsentiert, ist der Festschrift in keiner Weise zu entnehmen, daß die Deutschen über die Bücher, von denen sie permanent umgeben waren, nachgedacht hätten. Zumindest wollten sie dies nicht in ihrer Festschrift dokumentieren. Verständlicherweise haben sie alles versucht, um ihre Tätigkeit beim Depot möglichst lange zu behalten. Hunger, Kälte, Versorgungsnöte jedweder Art bestimmten den Alltag 1946. Die Zusammenarbeit und der soziale Zusammenhalt waren ganz offenbar eng.

Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack beim Lesen der Festschrift, der sich bestätigt, wenn man wiederum Officer Poste zurate zieht.18 Eines der größten Probleme habe darin bestanden, so resümert er, deutsches Personal einsetzen zu müssen. Die amerikanischen Direktoren seien permanent darauf bedacht gewesen, das Offenbacher Depot vor Diebstahl und Sabotage zu schützen. Man habe den Beschäftigten das Gefühl gegeben, stets und ständig überwacht zu werden, "and disciplinary problems were not uncommon". "A special locked room was necessary for the thousands of loose folders, bundles of letters, and documents; synagogue silver, ancient Thorot and other rare items were kept under lock and key. The German workers felt that all of this Nazi loot was their rightful booty; that the entire restitution operation was the undoing of work in which they still believed."19

Die von Historikern, Soziologen und Psychologen seit langem differenziert betrachteten Verdrängungsleistungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft berücksichtigend, die Notwendigkeit, Unvorstellbares irgendwie zu bewältigen, um in einen Alltag zurückzufinden und die wahrlich existentiellen Probleme zu meistern, erklären das Verhalten der deutschen OAD-Mitarbeiter teilweise, aber nicht zur Gänze. Die Haltung, die Poste beschreibt, war durchaus vorhanden und hat, die Restitutionsforschung der letzten Jahre beweist dies, die Versuche der Wiedergutmachung konterkariert.

Das Fazit der Offenbacher Restitutionen in Zahlen: An ursprünglich in Polen befindlichen Kulturgütern wurden zwischen 1946 und 1949 34.000 vom Offenbacher Collecting Point zurück nach Polen transferiert, fast 80.000 wurden dem jüdischen wissenschaftlichen Institut, also der weltberühmten YIVO-Sammlung, zurückgegeben, die ehemals in Wilna beheimatet war und nach dem Krieg in New York weiterexistierte. Über 77.000 Bände wurden verteilt unter Beteiligung des Jewish Cultural Reconstruction Committee.20 Zum Vergleich: In Polen gingen während des Krieges 70% allein der jüdischen Buchbestände verloren, wurden beschlagnahmt, verschleppt, verbrannt oder landeten in der Papiermühle. Vor 1939 gab es in Polen 251 jüdische Bibliotheken mit einem Gesamtbestand von ca. 1.650.000 Büchern.21

Insgesamt scheinen aus Offenbach 2,5 - 3 Millionen Bücher restituiert worden zu sein. Die Zahlen variieren hier. Die Rückgabe erfolgte jeweils in die Herkunftsländer, soweit diese identifiziert werden konnten, mit Ausnahme der jüdischen Bestände, die in osteuropäische Länder hätten zurückgegeben werden müssen. Wegen der dortigen antisemitischen Strömungen und des sich anbahnenden Kalten Krieges entschieden die amerikanischen Streitkräfte, solche Bestände an jüdische Organisationen in Israel und in den USA zu schicken. Auch, was nicht mehr zugeordnet werden konnte, wurde an jüdische Bibliotheken und Institutionen weltweit verteilt. Die von den Amerikanern als "Nazi-Antithesis" bezeichnete Arbeit des OAD hat so im Stillen die umfangreichste Restitution von Büchern in der Bibliotheksgeschichte geleistet.
Auch aus dem Collecting Point in München wurden Bücher restituiert, darunter zum Beispiel die für das seit 1938 geplante "Führermuseum in Linz" zusammengeraubten Bücher. Das Führermuseum sollte dem Willen Hitlers nach als Kunstmuseum alle anderen großen europäischen Museen in den Schatten stellen. Zahllose Kunstobjekte, aber auch eine Bücher-, eine Münz- und eine Musikaliensammlung wurden im In- und im besetzten Ausland für Linz zusammengetragen und in diversen Auslagerungsorten zwischengelagert. Den Grundstock der kunstgeschichtlichen Bibliothek sollten beschlagnahmte jüdische Bibliotheken aus Wien bilden.22 Der mit der Sammlung beauftragte Bibliothekar Friedrich Wolffhardt und ein Darmstädter Antiquar namens Bümming kauften und tauschten für die Linzer Sammlung allerdings die Bücher schwerpunktmäßig über die Schweiz. Unter anderem wurde dort die Bibliothek des jüdischen Emigranten Ludwig Töpfer erworben. Rechtsanwalt Töpfer war nach dem "Anschluß" Österreichs nach Südfrankreich geflohen und versuchte von dort aus, in der Schweiz seine Bibliothek zu verkaufen. Die Sammlung wurde für das Linzer Museum erworben und wie die übrigen Teile der Linzer Sammlung in einem Stollen in Alt-Aussee untergebracht. Den Stollen entdeckten 1945 die Amerikaner, die Bibliothek Töpfers war unversehrt geblieben und gelangte mit den anderen in Alt-Aussee vorgefundenen Kulturgütern in den Collecting Point München.23 "Da Veräußerungen in der neutralen Schweiz vom deutschen Gesetzgeber ausdrücklich nicht als "Verkauf unter Zwang" gewertet werden, wurde die Bibliothek nicht restituiert, sondern ging in Bundesbesitz über. In drei Teile geteilt wurde sie als Dauerleihgabe später an drei Bibliotheken abgegeben, an die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach und das Freie Hochstift in Frankfurt."24 Auch andere Teilbestände der Linzer Sammlung, die über Alt-Aussee zum Collecting Point nach München kamen, wurden später an deutsche Institutionen verteilt. Ein großer Teil der dort zusammengetragenen Musikaliensammlung kam 1951 etwa in die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt. Die Provenienz dieser Notendrucke untersuchte die Kunsthistorikerin Anja Heuß, deren Arbeiten zum Kunst- und Kulturgutraub weithin bekannt sind.25 Heuß zufolge stammen die meisten der insgesamt 5.800 Musikdrucke von Prager Musikverlegern. Zumindest einen Teil davon hatte vor 1945 ein Händler aus Zwickau in Prag für das "Führermuseum Linz" gekauft. Unter den Bedingungen des Besatzungsrecht wurden solcherart Ankäufe unter Marktpreis getätigt und gelten damit nach heutiger Auffassung als nicht rechtens. Anja Heuß hat in den letzten Jahren verschiedentlich die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt dazu aufgefordert, die Provenienzen der Musikaliensammlung zweifelsfrei zu klären. In einer Stellungnahme aus dem Jahr 2000 erklärte die Bibliothek ihrerseits, sie sei zwar schon 1997 von Heuß auf diese Drucke aufmerksam gemacht worden. Man habe auch tagelang versucht, die Provenienz zu klären, jedoch ohne Ergebnis. Bei einem Teil der Drucke sei lediglich festzustellen, daß sie aus früheren Prager Leihbüchereien stammten.26 Sollte dies zutreffen, dann handelt es sich bei den Musikdrucken mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich um Raubgut. Eine "tagelange" Suche nach Provenienzen, das sei nebenbei bemerkt, reicht nicht. In aller Regel sind diese Vorgänge nur sehr schwer aufzuklären. Sowohl in Bremen wie in Marburg wird man bestätigen, daß ein enormes Engagement, sehr, sehr viel Zeit und Durchhaltevermögen Voraussetzung sind, um zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen, die eben auch öfter einmal ausbleiben. An einer Aufklärung des Falles oder an eine etwaige Rückgabe der Notendrucke scheint die Frankfurter Bibliothek zumindest nicht unmittelbar zu denken.

Aber bleiben wir zunächst noch in der Nachkriegszeit bzw. bei den deutschen Bibliotheken und ihrer Rolle im Rahmen der Bücherrestitutionen. Einzeluntersuchungen zur Geschichte bestimmter Bibliotheken berichten gelegentlich von Restitutionen. Oft enthalten sie jedoch keine konkreten Hinweise und Belege. Was wir bislang wissen, stammt vorwiegend aus Forschungsarbeiten der letzten Jahre bzw. aus den frühen, bahnbrechenden Studien der achtziger Jahre zum Thema Bibliotheken und Nationalsozialismus. In Bibliotheksarchiven und den Archiven der vorgesetzten Behörden, also städtischen bzw. staatlichen Archiven, kann man zuweilen auch auf Schriftstücke stoßen, in denen es um die Rückgabe von Büchern geht, doch sollte man hierbei nicht zuviel erwarten. Denn Bücherrestitutionen sind nur selten überliefert.

Deutsche Bibliotheken wurden nach dem Krieg auf verschiedene Weise, von unterschiedlicher Seite aufgefordert, Beute- und Raubgutbestände zu restituieren. So bemühte sich Anfang der 50er Jahre die Jewish Cultural Reconstruction Inc. mit Sitz in Wiesbaden darum, von den deutschen Bibliotheken Auskunft über dort womöglich noch vorhandene geraubte Buchbestände zu erhalten. 1950 rief sie in der Verbandszeitschrift der Bibliothekare, den "Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken", zu entsprechenden Bestandsprüfungen auf. Der 1. Vorsitzende des Vereins Deutscher Bibliothekare, Gustav Hofmann, unterzeichnete diesen Aufruf.27 1952 wiederholte die Jewish Cultural Reconstruction Inc. noch einmal ihren Aufruf von 1950.28 Weder in den betreffenden Jahrgängen der "Nachrichten" noch im umfangreichen Archiv des Vereins Deutscher Bibliothekare sind jedoch weitere sachdienliche Hinweise zu finden.29 Berichte darüber, dass man in den Bibliotheken systematisch nach Buchbeständen solch zweifelhafter Herkunft gesucht hätte, gibt es nicht. Auch vorgesetzte deutsche Behörden führten Regelanfragen bei den Bibliotheken in ihrem Zuständigkeitsgebiet durch. Im Oktober 1953 forderte die Kanzlei des Niedersächsischen Kultusministers von den wissenschaftlichen Bibliotheken im Land Auskunft: "Es ist anzunehmen, daß ehemaliges konfisziertes Eigentum jüdischer Herkunft sich vielfach noch in deutschen öffentlichen Bibliotheken befindet. (...) In Frage kommen vor allem Judaica und Hebraica aller Art (...), die aus Ausweichlagern nach Kriegsende in die deutschen Bibliotheken geflossen sind, sowie Bestände der früheren Nationalsozialistischen Institute oder Organisationen, die nach der Liquidierung den Bibliotheken einverleibt wurden. Es handelt sich ferner um Sammlungen, die den Bibliotheken (vor allem den Orientalischen Abteilungen) von staatlichen oder Parteidienststellen nach 1938 und vor allem nach 1940 zum Kauf angeboten wurden. Um dieses abhanden gekommene beziehungsweise entzogene Eigentum den wahren Berechtigten wieder zurückgeben zu können, bitte ich, in den Beständen der öffentlichen Büchereien nach solchen Objekten zu forschen." Etwaige Funde sollten der Jewish Cultural Reconstruction Inc. in Wiesbaden gemeldet werden.30 Seitens der kleinen Landesbibliothek Oldenburg antwortete man nach mehreren Ermahnungen aus Hannover im Dezember 1953 wie folgt: "Da die Landesbibliothek Oldenburg im September 1943 ausgebombt und ihre Akten verstreut wurden, sind Feststellungen, ob Ankäufe oder Übernahmen aus ehemaligem konfiszierten Eigentum jüdischer Herkunft stattgefunden haben, schwer zu treffen. (...) Soviel sich aus den teilweise erhaltenen Akzessionslisten ersehen lässt, sind größere Sammlungen solcher Art offenbar nicht übernommen worden. (...) Zumal sich entspr. jüdische oder später nationalsozialistische Institute in unserem Wirkungsbereiche nicht befunden haben. Ob sich vereinzelte Stücke im Besitz der Bibliothek befinden könnten, ist bei der jährlichen Akzession von mehreren tausend Nummern grundsätzlich nicht überblickbar. Daß ein aus freimaurerischem Besitz stammender Bücherbestand in die Bibliothek gelangt war, ist bekannt gewesen, und die Rückgabe an den alten Besitzer hat schon längst stattgefunden -- in Analogie dürfte man einen weiteren Grund annehmen, daß also - da nichts bekannt ist - die gestellte Frage zu verneinen sei."31 Mit der - sachlich übrigens nicht zutreffenden - Begründung, man habe aufgrund der Kriegsfolgen kaum Möglichkeiten genaue Angaben zu machen, wird hier erstens verschleiert, daß man keine Nachforschungen betrieben hat. Überdies wird aber zweitens mit dem rhetorischen Kniff des Analogieschlusses suggeriert, es könne sich eigentlich auch kein Raubgut in der Bibliothek befinden. Das ist typisch und fällt unter die Kategorie Anspruchsabwehrhaltung, jenes Verhalten, das für deutsche Institutionen und Behörden in der Restitutionsfrage allgemein charakteristisch war.

Sehr anschaulich sind auch die Vorgänge im Badischen dokumentiert dank Ingo Toussaints Arbeit über die Universitätsbibliothek Freiburg.32
Toussaints Berechnungen zufolge vereinnahmte die UB Freiburg in den Monaten November 1940 bis Januar 1941 über 11.000 Bände aus jüdischem Privatbesitz. Dabei bemühte sich die damalige Leitung der Bibliothek aus eigenem Antrieb um den Erhalt der Bücher und strebte eine unentgeltliche Überlassung an. Letztlich zahlte sie dann aber der zuständigen Finanzbehörde einen Schätzpreis von 2285,65 RM. Die Bücher stammten aus Privatwohnungen, deren Bewohner in das berüchtigte südfranzösische Lager Gurs verschleppt wurden. Darunter befanden sich auch ehemalige Hochschulangehörige, die - wie Toussaint bedrückt anmerkt - kurz zuvor seitens der Bibliothek als "Nichtarier" von der Benutzung ausgeschlossen worden waren. Nur etwa 10% der bei der Universitätsbibliothek abgelieferten Bücher konnten nach Kriegsende in den UB-Beständen noch nachgewiesen werden. Zurückgegeben wurden exakt 1.163 Bände. Eine Liste dieser Bücher, die 1954 dem Antiquar Reiser in Freiburg im Auftrag der Branche Francaise de la Jewish Trust Corporation for Germany übergeben wurde, belegt diesen Transfer. Toussaint schließt daraus, daß die übrigen 10.000 Bücher, sofern sie sich nicht noch im Bestand der UB befinden, als Dubletten verschenkt, im Lesesaal an Benutzer verkauft oder makuliert worden seien. Als Abnehmer kann er andere Bibliotheken, Frontsoldaten, Privatleute, und auch einige Angehörige der Bibliothek, einschließlich des Direktors selbst, verifizieren.33 Für die privaten Buchbesitzer, die nach dem Krieg Rückerstattungsforderungen erhoben, bedeutete dies freilich, daß sie nur einen verschwindend geringen Teil ihrer Bücher wiedersahen. 46 rechtmäßige Buchbesitzer ließen sich in den fünfziger Jahren namentlich feststellen. Dr. Selma Fliess erhielt von ihren ehemals 870 Bänden, die UB hatte im Zuge der Beschlagnahme diese Bibliothek als "sehr schöne und gepflegte Bibliothek" beschrieben, genau 10 zurück, Eleonore Gellin bekam von den ursprünglich 1200 Bänden, darunter laut UB auch Noten und Briefe, ganze 105 Bände zurück usw. Eine nach den Erfahrungen mit heutigen Provenienzrecherchen zu erwähnende Besonderheit der Freiburger Erwerbungen besteht darin, daß auf Anweisung der zuständigen Polizeidienststelle die UB bei der Übernahme der Bücher den Einzelbesitz zu kennzeichnen hatte, nicht zur Wahrung von Eigentumsrechten, sondern aus bürokratisch-fiskalischen Gründen. Die Bibliothek hat folglich genau Buch darüber geführt, von welchem Vorbesitzer welche Bücher stammten. Obwohl sämtliche Bücher der geräumten Wohnungen jüdischer Bürger von der Polizei in der UB abgeliefert worden waren, erklärte der Bibliotheksdirektor Josef Rest nach dem Krieg dennoch, Ablieferungen seien nur "in verhältnismäßig wenigen Fällen" erfolgt; "es könnte auch sein, daß manches uns von den Gerichtsvollziehern überwiesene Buch auf dem Wege zu uns verloren gegangen ist". Sammlungen seien auch zusammengewürfelt worden, so daß sich die genaue Herkunft nicht immer genau habe feststellen lassen. Eine unwahrscheinliche Einschätzung, wie ich meine, betrachtet man den enormen Aufwand bei der Registrierung, der von der Polizei gefordert worden war. Durch die Bestände, die er "bei Freiwerden von Judenbüchern sichern" konnte, sah Josef Rest seine UB "vielfach bereichert".34 Nicht eingestellt, nicht verkauft oder vernichtet und nicht selbst eingesteckt hat Rest die bei den Büchersendungen gefundenen jüdischen Gebetbücher, Briefe, Photographien und andere persönliche Andenken. Er separierte sie, um, wie er 1946 mitteilte, sie später an die "ehemaligen Besitzer" zurückzugeben.35 Ob dies geschehen ist, ist unbekannt. Für die Bücher jedenfalls hatte er solches wohl nicht im Sinn.

Es gibt aber auch ein positives Gegenbeispiel, das möglicherweise gar keinen Seltenheitswert besitzt. 1943 wurde der Marburger Romanist Werner Rudolf Krauss wegen seiner Beziehungen zu Widerstandskreisen bzw. wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Seine wertvolle Privatbibliothek wurde unaufgefordert der UB Marburg überwiesen. Zusammen mit anderen Universitätsorganen setzte sich die UB erfolgreich für Krauss beim Ministerium ein, dessen Strafe infolgedessen gemildert wurde. Krauss wurde im Juni 1945 aus dem Kriegsgefangenenlager Eger von den Amerikanern entlassen und kehrte nach Marburg zurück. Die UB, die Begehren anderer Bibliotheken, allen voran des Romanistischen Seminars, getrotzt und die Bibliothek geschlossen, gesondert und unbearbeitet verwahrt hatte, übergab Krauss seine Bücher umgehend.36 Solange weitere Einzeluntersuchungen in diesem Bereich fehlen, bleibt das Verhalten der Marburger Bibliotheksleitung ein Sonderfall. Für die damalige Zeit durchaus bemerkenswert dürfte gewesen sein, daß das Direktorium sich von der Partei fern hielt. Man kann auch keinerlei Hinweise darauf finden, daß die UB sich um den Erhalt von beschlagnahmten oder geraubten Büchern bemüht hätte. Und die bisherige Suche nach Raubgut hat auch mengenmässig nicht sehr viel zutage gefördert. Nichtsdestotrotz befindet sich auch jetzt noch Beute- und Raubgut in der Bibliothek. Bald nach Kriegsende meldete sich z.B. die bereits erwähnte MFA & A auf Ersuchen der niederländischen Regierung an die UB Marburg. Die Niederlande suchte konkret nach verschiedenen Posten aus dem Besitz des Amsterdamer Rijksmuseums. Die UB antwortete auf die Nachfrage aus Wiesbaden, daß sie 24 Geschichtswerke und 22 philosophische Werke chinesischen Ursprungs bei der Firma Brill in Leiden am 7.2.1944 erworben hatte. Beide Serien waren im Krieg mit weiteren Bibliotheksbeständen aus Sicherheitsgründen ausgelagert gewesen. Ein Teil ging dort infolge eines Brandes wohl verloren. In den Jahresberichten der UB Marburg sind die chinesischen Werke nicht erwähnt.

Wohl aber finden sich in den handschriftlichen Vorarbeiten dazu unter der Rubrik "Lückenergänzungen" und "wertvolle Erwerbungen" Vermerke zum Eingang der 22 philosophischen Schriften aus China und der zwischen 1872 und 1877 erschienenen 24 Geschichtswerke. Vor drei Jahren sah es noch so aus, als könne man über den Verbleib dieser Werke nichts sagen. Weder fand sich ein Restitutionsvermerk in den Akten noch konnten die Bücher in der Bibliothek ausfindig gemacht werden. Gestern erfuhr ich allerdings, daß man einen Teil der Bücher aufgespürt hat in den Beständen der UB. Sie konnten bisher nicht nachgewiesen werden, weil die Titelaufnahme im alten Alphabetischen Katalog fehlerhaft war. Auf diese Werke könnte zutreffen, was Anja Heuss für die Frankfurter Notendrucke bereits festgestellt hat. Das Amsterdamer Rijksmuseum wurde unter der nationalsozialistischen Besatzung stark in Mitleidenschaft gezogen. Entwendete Bücher gelangten in den Antiquariatshandel oder wurden ins Deutsche Reich verbracht. Sollten die chinesischen Werke, die allerdings keine Besitzvermerke mehr enthalten, tatsächlich aus dem Bestand des Rijksmuseum stammen, dann wäre der Ankauf bei Brill wiederum unter den Bedingungen des Besatzungsstatuts erfolgt und damit aus heutiger Sicht unrechtmäßig.

Der Antiquariatshandel mit geraubten Büchern wie im geschilderten Beispiel ist ein "Vertriebsweg", der für die Auffindung von Raubgut ebenso problematisch ist wie für die Frage der Rückerstattung. Infolge der Gleichschaltung der Literaturproduktion, der Bücherverbote, des Devisenmangels, vor allem aber aufgrund der Papierknappheit war der Buchmarkt in Deutschland nach 1940 völlig zusammengebrochen. Ausländische Literatur war so gut wie nicht vorhanden (und meistenteils ohnehin verboten), die einheimische, systemtreue "Nazi-Literatur" war qualitativ ungenügend. Dieser Mangel an guter Literatur machte nicht nur dem Buchhandel in Deutschland und Österreich zu schaffen, sondern auch dem in der Schweiz. Buchhändler griffen immer häufiger auf das Antiquariat zurück. Man kann dies auch sehr anschaulich anhand der Akzessionsjournale von Bibliotheken nachvollziehen. Bis heute haben sich Antiquare zu ihren Geschäftspraktiken während der Nazizeit nicht geäußert, zumindest nicht in der Weise, daß sie offen bekundet hätten, Raubgut verschoben zu haben. Mit einer Ausnahme: Der wohl der Nazikollaboration unverdächtige jüdische Kommunist Theo Pinkus hat beschrieben, wie er seinen "Büchersuchdienst" bzw. seine Buchhandlung "Pinkus & Co." Ende der 30er Jahre aufbauen konnte. Pinkus versorgte in der Schweiz Buchhandlungen mit deutschsprachiger Literatur aus dem Antiquariat, weil aktuelle Literatur nicht vorhanden war. Pinkus klaubte buchstäblich überall Bücher zusammen, wo er sie finden konnte. "Eines Tages sah ich ein Inserat in der Zeitung, dass jemand Bücher zu verkaufen habe. Es war ein alter Emigrant und Geschäftsmann. Er hatte die 55 kleinen Bände der "Goethe-Ausgabe letzter Hand" und wollte dafür zwanzig Franken, ein Band kam also nicht einmal auf 50 Rappen." Pinkus kaufte dem Emigranten, der dringend Geld brauchte, die Bücher ab und verkaufte sie weiter "viel zu billig".37 Solche Händel wickelte er nach 1940 immer häufiger ab, weil die wirtschaftliche Not Privatleute immer häufiger zu Verkäufen zwang.38 39 Mangels Geld musste Pinkus auf eine von den Nationalsozialisten angebotene Wagenladung Kafka aus Prag verzichten, aus dem Mercy-Verlag. Gekauft hat er indessen zahlreiche Bücher aus dem Lager des Phaidon-Verlags in Österreich, der nach der Besetzung gezwungen worden war, sein Lager abzustoßen. Auch nach dem Krieg fand Pinkus auf seinen Suchfahrten viele Bücher zweifelhafter Herkunft, sogar Bücher mit Besitzzeichen alter Freunde. Besonders ergiebig waren die Fahrten in die Tschechoslowakei 1947. Pinkus reiste zusammen mit einem Bibliothekar von der Züricher Zentralbibliothek und einem Buchhändler.

"Die Tschechen hatten riesige Mengen von Büchern in Schlössern, Turnhallen und Lagerhäusern gestapelt. Das waren vor allem zwei Arten von Büchern: Von den Nazis geklaute und konfiszierte Bücher von Juden und politisch Verfolgten, dann aber auch Riesenmengen von Nazi-Literatur der Sudentendeutschen. Diese Lager durften wir durchsuchen. Für mich war das sagenhaft." Nazi-Literatur durften die Schweizer Büchersucher nicht mitnehmen. "Beim ersten Besuch füllten wir einen Eisenbahnwaggon. Während einiger Jahre reiste ich immer wieder nach Prag, und ab und zu auch nach Budapest. Wenn jeweils so eine Bahnfracht in Zürich eintraf, konnten wir Hunderte von Büchern, die auf unsern Suchlisten waren, anbieten. Diese "Konjunktur" war absolut einmalig."40 An Restitution wurde hierbei natürlich nicht gedacht, und über den Buchmarkt in der neutralen Schweiz haben wir bereits gehört, daß eine Restitutionspflicht auch nicht gegeben war.

Wenn Bibliotheken unrechtmäßig entzogene Buchbestände aus dem Antiquariat erwarben, war ein Unrechtsbewußtsein kaum vorhanden und trat später erst recht nicht auf. Dies trifft übrigens auch auf die Kunstmuseen zu, die den Anspruchstellern in späteren Rückgabeverfahren oft mit dem Einwand begegneten, man habe die Kunstwerke in gutem Glauben erstanden. Der unter dem juristischen Terminus "gutgläubiger Erwerb" geführte Tatbestand gilt gleichwohl heute als nicht mehr tragfähig. International ohnehin unterschiedlich bewertet, bleibt zumindest die einhellige Meinung, daß der Besitz an Raubgut aufgrund gutgläubigen Erwerbs, so dieser denn tatsächlich nachgewiesen werden kann bzw. den Tatsachen entspricht, moralisch nicht mehr zu rechtfertigen ist. In der Nachkriegszeit war dies jedoch nicht so eindeutig. Während die amerikanischen Rückerstattungsanordnungen den gutgläubigen Erwerb von Raubgut nicht anerkannten und Rückstellungen forderten, war die französische Besatzungsmacht anderer Meinung. Auch die deutschen Rückerstattungsgesetze erkannten den gutgläubigen Erwerb an. Die Bibliothek der Wiener Romanistikprofessorin Elise Richter, die von der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln im Herbst 1941 erworben wurde, wäre in den fünfziger Jahren daher unter Umständen nicht beanstandet worden, dürfte nach heute geltenden Überzeugungen aber eigentlich nicht im Besitz der USB Köln bleiben. Der damalige Leiter der Bibliothek begutachtete die über 3.000 Bände umfassende Bibliothek von Elise Richter während einer Dienstreise in Wien 1941 und notierte: "Frau Richter habe ich, vorbehaltlich der Genehmigung des Kuratoriums, einen Preis von RM 4000 für die gesamte Bibliothek geboten. Das würde einen Preis von RM 1,30 für das Einzelwerk bedeuten. Dieses Angebot hat Frau Richter angenommen. Die Bibliothek könnte somit zu einem Spottpreise in unsern Besitz übergehen ..."41 Vermittelt hatte den Ankauf der Kölner Professor Fritz Schalk, der mit Elise Richter gut bekannt war. Die Bibliothek wurde auf Wunsch der Professorin an die Kölner Bibliothek veräußert. Zwei Jahre nach dem Verkauf starb Elise Richter im KZ Theresienstadt. Frau Richter hat ganz offenkundig ihre Bibliothek aus der Not heraus verkauft und ist damit vermutlich einer Beschlagnahme auch noch zuvorgekommen. Solcherart Notverkäufe unter Preis fallen heute allgemein unter die Kategorie "verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut". Da Frau Richter allerdings auf eigenen Wunsch an die USB in Köln verkaufte, ist der Fall diskussionswürdig.

Die letztgenannten Beispiele zeigen weniger, daß restituiert wurde aus deutschen Bibliotheken, sondern eher, warum nicht restituiert wurde. Dabei muß man zugeben, daß die juristische und historische Bewertung der Zugänge weder damals noch heute einfach war bzw. ist. Andererseits war in den Bibliotheken durchaus auch ein Bewußtsein dafür vorhanden, daß manch ein Zuwachs zu Unrecht den eigenen Bestand vermehrte. Der Fall der Sabatini-Bibliothek macht dies deutlich. Im Winter 1943/44 wurden mindestens 1200 Bücher, darunter auch Inkunabeln, einer italienischen Privatbibliothek von den Deutschen aus den Abruzzen abtransportiert. 1945 erhielt die neugegründete Universitätsbibliothek in Mainz von der französischen Besatzungsmacht eingezogene Bücher verschiedenster Provenienz. Darunter befanden sich auch besagte Bücher der Familie Sabatini. Die Herkunft der Bücher und die Identität der Vorbesitzer waren der Mainzer Bibliothek seit 1947 bekannt, ein Mitarbeiter der UB stellte damals auf eigene Faust Nachforschungen an und reiste sogar nach Italien, um die Herkunft der Bücher zu ermitteln. Obwohl er sich offenbar intern dafür einsetzte, unternahm die Mainzer Bibliothek nichts. Das Vorhandensein der in blaues Maroquin-Leder gebundenen Bücher aus Italien wurde von der UB erst 1990 bestätigt, zögerlich und nicht eben freiwillig. Wenig später erhielt die Familie Sabatini die wertvollen Bände zurück.42 Wobei diese Restitution abermals nur einen Bruchteil des tatsächlichen Verlustes darstellt, denn insgesamt verloren die Sabatinis ca. 10.000 Bände aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Damit wäre man schon in der neueren Zeitgeschichte der Restitutionen angelangt, ohne näher auf die Gesetze und Verordnungen einzugehen, die von den Alliierten und der Bundesrepublik erlassen wurden zum Zweck der Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen. Es gibt, wie wir gesehen haben, Beispiele für Restitutionen seitens der Alliierten direkt nach dem Krieg, Beispiele für Restitutionen aus eigenem Antrieb, Beispiele für Restitutionen aufgrund von Nachfragen der Militärregierungen bzw. der deutschen Behörden in Stadt und Land. Bislang in keiner Weise aufgearbeitet sind Restitutionen im Rahmen der Rückerstattungsgesetze. Für die Zeit zwischen 1950 und 1990 schweigt die Literatur, schweigen meist auch die Archive, denn nur äußerst selten waren Bücher Gegenstand von Restitutionsverhandlungen. Im allgemeinen war die Restitutionspolitik bei der Rückgabe aus privatem Besitz erfolgreicher als bei Restitutionen von Sachgütern, die sich inzwischen in staatlichem Besitz befanden. Ob das auch in bezug auf Bibliotheken zutrifft, kann man noch nicht sagen. Die Rechtslage seit 1950 erfährt merkwürdigerweise erst in den letzten Jahren einige Aufmerksamkeit, weil neuere Restitutionsbestrebungen unweigerlich die Frage nach dem juristischen Hintergrund aufwerfen.

 

 

1 Dieser Beitrag zur Restitution von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Büchern nach 1945 ist noch nicht abgeschlossen. Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass die Nachweise noch sehr rudimentär sind und stehe für Nachfragen jederzeit zur Verfügung. Der Text wird eingearbeitet in die im Juni 2002 angefertigte, aber noch nicht erschienene Hausarbeit zur Laufbahnprüfung für den höheren Bibliotheksdienst bei der Fachhochschule Köln, Fachbereich Bibliotheks- und Informationswesen. Vgl. Veronica Albrink: Die Suche nach beschlagnahmten Büchern: Untersuchung im Zusammenhang mit der "Handreichung vom Februar 2001 zur Umsetzung der Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der Kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz".
2 Zit.: Julius Posener: In Deutschland 1945 bis 1946. Berlin 2001, S.140.
3 Vgl. auch Julius Posener: Fast so alt wie das Jahrhundert. Basel, Berlin, Boston 1993, S.269ff., 295ff. 
4 Bernd A. Rusinek: Einleitung, in: Constantin Goschler und Jürgen Lillteicher: "Arisierung" und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989. Göttingen 2002, S.93-98, hier: S.93f. 
5 Zitat nach Constantin Goschler: Die Politik der Rückerstattung in Westdeutschland, in: Constantin Goschler und Jürgen Lillteicher: "Arisierung" und Restitution. DieRückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989. Göttingen 2002, S.99-125, hier: S.112. 
6 Vgl. zum Folgenden auch Veronica Albrink: Die Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Büchern, in: Information, Wissenschaft und Praxis 54/2003, S.221-228, hier: S.222.
7 Tatsächlich handelt es sich um einen Annex der Haager Konventionen. Vgl. den Abdruck der Haager Landkriegsordnung bzw. des "Reglement concernant le loi et cotume de la guerre sur terre" vom 18.10.1907, in: Strupp, Urkunden, Bd.2, S. 455: Art. 56. Zum Privatvermögen s. ebd. S. 454, Art.53.
8 Vgl. mit Nachweisen Wilfried Fiedler: Zwischen Kriegsbeute und internationaler Verantwortung - Kulturgüter im Internationalen Recht der Gegenwart. Plädoyer für eine zeitgemäße Praxis des Internationalen Rechts, in: ZfBB 44/1997 H. 6, S. 583-598. (Nachdruck des Beitrages in Reichelt/Tauber (Hg.): Neues Recht zum Schutz von Kulturgut - Internationaler Kulturgüterschutz. (Schrr. des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Europarecht) Wien 1997, S. 589, 591, bes. Anm.23, 593f.
9 Vgl. Petra Kuhn: Die "Gemeinsame Erklärung von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden vom Dezember 1999, in: Museen im Zwielicht. Ankaufspolitik 1933-1945. Kolloquium vom 11. und 12. Dezember 2001 in Köln / die eigene Geschichte*. Provenienzforschung an deutschen Kunstmuseen im internationalen Vergleich. Tagung vom 20. bis 22. Februar 2002 in Hamburg (Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste 2) Magdeburg 2002, S.297-310, hier: S.297f.
10 Fiedler, Kriegsbeute, S.588.
11 Vgl. u.a. Harald König: Rückforderung finanzieller Wiedergutmachungsleistungen im Zusammenhang mit der Gemeinsamen Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der Kommunalen Spitzenverbände, in: AKMB-news 9/2003 H.3, S.5-8.
12 S. dazu auch: Handreichung vom Februar 2001 zur Umsetzung der Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz. Herausgeber: Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien. 2. Aufl. Berlin 2001. Abrufbar unter www.lostart.de/stelle/handreichung.php3
13 Leslie I. Poste: Books go home from the wars, in: Library Journal 73/1948, S.699-704, hier: S.699f.
14 Vgl. Hering, Jürgen: Trophäenbücher und Beutekunst. Muß Deutschland seine Kriegsverluste abschreiben? In: Joachim Dietze und Brigitte Scheschonk (Hg.): Wissenschaftliche Bibliotheken nach der Wiedervereinigung Deutschlands - Entwicklung und Perspektive. Kolloquium aus Anlaß des 300jährigen Bestehens der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt am 6. März 1996 in Halle (Saale). Halle 1996, S. 33-47, hier: S.40.
15 Die Angaben zur Zahl der Depots schwanken zwischen 1000 und 2000. 1700: Vgl. Klaus Goldmann und Günter Wermusch, Vernichtet, verschollen, vermarktet. Kunstschätze im Visier von Politik und Geschäft. Asendorf 1992, S.11.
16 Poste, Books, S.701.
17 Poste, Books, S.702.
18 Offenbach Archival Depot - Offices of Military Government Greater Hesse, Economics Division: Festschrift als Anlass des Einjährigen Bestehens März 1946-März 1947. Dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von Prof. Dr. Zimmermann, Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn. 
19 Poste, Books, S.704.
20 Jacqueline Borin: Embers of the Soul: The Destruction of Jewish Books and Libraries in Poland during World War II, in: Libraries and Culture 28/1993 H. 4, S. 445-460, hier: S. 455f.
21 Borin, Embers, S.445ff. Zum Teil wurden die Bestände katalogisiert und ins Reich transferiert. Teils gelangten die Bücher nach Berlin, teils nach Wien. Ebenso erhielten die 1941 gegründete Reichsuniversität Posen und das Institut für deutsche Ostarbeit in Lodz, ein Ableger des Frankfurter Instituts zur Erforschung der Judenfrage, Bücher aus konfiszierten jüdischem Besitz.
22 Anja Heuß: Bücherraub in der Zeit des Nationalsozialismus - Akteure und Strukturen, in: Jüdischer Buchbesitz als Beutegut. Symposium im Niedersächsischen Landtag am 14. November 2002. Hg. vom Niedersächsischen Landtag (Heft 50 der Schriftenreihe des Niedersächsischen Landtages), Hannover 2002, S.25-34, hier: S.30f.
23 Vgl. Anja Heuß: Der Kunstraub der Nationalsozialisten. Eine Typologie, in: kritische berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften 23/1995 H. 2, S. 32-43, hier: S.35ff. u. 43, Anm.9 sowie die Dokumentation von Charles de Jaeger: Das Führer Museum. Sonderauftrag Linz. Esslingen 1998.
24 Zit.: Heuss: Bücherraub, S.31-32.
25 Vgl. z.B. Anja Heuß: Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion. Heidelberg 2000.
26 Vgl. "Streit um historische Musikdrucke", in: FAZ vom 6.9.2000, S.63 und "Magistrat prüft Verbleib jüdischen Vermögens", in: FAZ vom 10.6.2000.
27 Gustav Hofmann: Meldung von Eigentum jüdischer Herkunft in deutschen Bibliotheken; in: Nach-richten für wissenschaftliche Bibliotheken 3/1950, H. 4, S. 62. Das zitierte Schreiben des Kultusministers und der Aufruf der Jewish Cultural Reconstruction Inc. sind dem Wortlaut nach identisch.
28 Vgl. Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken 5/1952, H. 3, S. 220. Wie zwei Jahre zu-vor bat die Organisation, Ergebnisse bei ihr anzuzeigen; die bayrischen Bibliotheken sollten Funde beim Landesamt für Wiedergutmachung bekanntgeben.
29 Vgl. z.B. die Jahrgänge 1-5/1948-1952 der Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken und die Berichterstattung über die Bibliothekartage in Hannover (1948), Rothenburg (1949), Marburg (1950) und Münster (1951). Das recht umfangreiche Archiv des VDB wird derzeit in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover aufbewahrt.
30 Niedersächsisches Staatsarchiv Oldenburg: Best. 134 Nr.4863, Bl.141 (Kopie).
31 Niedersächsisches Staatsarchiv Oldenburg: Best. 134 Nr.4863, Bl.142ff. Zitiert: Schreiben des Oldenburger Bibliotheksdirektors Wolfgang Fischer vom 29.12.1953, ebd. Bl.145 (Kopie). Der Bericht ging an die vorgesetzte Behörde, den Präsidenten des niedersächsischen Verwaltungsbezirkes Oldenburg, Abt. Kirchen und Schulen, und wurde von dort unter dem 9.1.1954 an das Kultusministerium weitergeleitet.
32 Soweit sich das bisher sagen läßt, stehen derart aussagekräftige Quellen, wie sie Toussaint vorlagen, nicht oft zur Verfügung.
33 Ingo Toussaint: "Geschenke" für die wissenschaftlichen Bibliotheken im Dritten Reich, in: Maria Kuehn-Ludewig (Hg.): Displaced Books. Bücherrückgabe aus zweierlei Sicht. Beiträge und Materialien zur Bestandsgeschichte deutscher Bibliotheken im Zusammenhang von NS-Zeit und Krieg. 2. durchges. und erw. Aufl., Hannover 1999, S.13-14 und ders.: Die Universitätsbibliothek Freiburg im Dritten Reich. (Schriften der Universitätsbibliothek Freiburg i. Br. 5) Freiburg i. Br. 1982, S.121ff. 
34 Toussaint, Universitätsbibliothek, S.124.
35 Toussaint, Universitätsbibliothek, S.126.
36 Margret Lemberg: Verboten und nicht verbrannt. Die Universitätsbibliothek Marburg und ihre Bücher von 1933 bis 1946. Bd.1, Marburg 2001, S.147ff.
37 Rudolf M. Lüscher und Werner Schweizer: Amalie & Theo Pinkus - De Sassi. Leben im Widerspruch. Zürich 1987, S.249.
38 Ebd. S.251.
39 Ebd. S.252.
40 Ebd. S.257.
41 Zum Fall Richter vgl. Hans-Gerd Happel: Universitäts- und Staatsbibliothek Köln, in: Ingo Toussaint (Hg.): Die Universitätsbibliotheken Heidelberg, Jena und Köln unter dem Nationalsozialismus. München [u.a.] 1989, S.290-328, hier: S. 301f. Zitiert wurde hier nach dem Abdruck des Auszuges in Kuehn-Ludewig: Displaced Books, 21999, S.18.
42 Der Rest der ursprünglich 10.000 hauptsächlich aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammenden Bände der Bibliothek scheint weiterhin ver-schollen zu sein. Der Fall wurde während der Veranstaltung "NS-‚Geschenke' in deutschen Bi-bliotheken" am 27.5.1999 auf dem Bibliothekartag in Freiburg vorgestellt. Vgl. Kuehn-Ludewig: Displaced Books, 21999, S. 59-62.: Gekürzter Abdruck des Artikels von Anja Oehlers (später Heuß): Die Bücher der Saba-tinis, in: Die Zeit vom 21.6.1991. Ferner Klaus Wiegrefe: Fischer am Tisch, in: Der Spiegel Nr.48 1998, S. 54-55. Elke Hirth: Es wird Zeit! Bibliotheksbe-stände kritisch und sensibel sichten, in: Laurentius 16/1999 H. 2, S. 78f.