Nachlaßerschließung in KZ-Gedenkstätten

Entsprechend der Altersstruktur der Generation von ehemals in deutschen Konzentrationsla-gern inhaftierten Menschen kommt der Nachlaßarchivierung in den KZ-Gedenkstätten seit einigen Jahren eine gestiegene Bedeutung zu. Bedingt durch die Tatsache, dass Nachlässe sowohl Archiv- als auch Bibliotheksgut sein können, haben sich die Gedenkstättenarchivare und -bibliothekare gleichermaßen mit dem Problem der Erschließung und Nutzbarmachung von persönlichen Beständen auseinanderzusetzen. Aufgrund seines archivalischen Charakters (Einmaligkeit sowie subjektive, persönliche Prägung der inneren Ordnungsstrukturen) sollte Nachlaßschriftgut überwiegend nach archivarischen Methoden der Ordnung und Verzeichnung erschlossen werden.

Nachlässe als Bestandteile eines KZ-Gedenkstättenarchivs/ einer KZ-Gedenkstättenbibliothek sind die Summe aller schriftlichen (im engeren Sinne) sowie Foto-, Film-, Ton- und maschi-nenlesbaren Dokumente (im weiteren Sinne), die aus dem privaten Leben und der beruflich-geschäftlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen oder/ und der politischen Tätigkeit einer Person, welche in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager inhaftiert war, hervorgegangen sind und durch individuellen Charakter und subjektive Ord-nungsstrukturen die Persönlichkeit des Nachlassers (Bestandsbildners) widerspiegeln können.2 

Solche persönlichen Bestände gelangen meist als Schenkungen oder als Deposita, seltener auch durch Ankäufe in die Gedenkstättenarchive/- bibliotheken. Hinsichtlich ihres Umfanges unterscheiden sie sich in Gesamtnachlässe (relativ vollständig und umfangreich), Klein- oder Kleinstnachlässe, Teilnachlässe oder Autographen. In den meisten Gedenkstätten beträgt der Umfang persönlicher Fonds im Durchschnitt 1,5 lfm. Es handelt sich dabei um Klein- bzw. Kleinstnachlässe. Aber auch Bestände mit weniger als 1 lfm. oder Teilnachlässe können von historischer Bedeutung und demzufolge archivwürdig sein. 

Einzelschriftstücke werden hingegen meist in einer Autographensammlung unter dem Namen des Nachlassers zusammengefaßt. 
Geht man davon aus, dass ein Schriftnachlaß durch die das Leben sowie die Persönlichkeit des Nachlassers widerspiegelnden Unterlagen bestimmt wird, ist es für den KZ-Gedenk-stättennachlaß  charakteristisch, dass seine Archivwürdigkeit nicht vorrangig durch die ausge-übte Tätigkeit des Bestandsbildners, sondern durch seine (kollektive) leidvolle Erfahrung der  Inhaftierung in einem Konzentrationslager bestimmt wird. Es handelt sich hierbei in den meisten Fällen nicht um künstlerische, literarische, politische, wissenschaftliche o.ä. in der Fachliteratur beschriebene Nachlässe. Es sind in der Regel Bestände von ãPrivatpersonenÒ, d.h. keinen Personen des öffentlichen Lebens, welche aus ganz unterschiedlichen Gründen im Konzentrationslager inhaftiert waren, verschiedenen sozialen Schichten angehörten und unter-schiedliche Berufe ausübten. Mit Hilfe ihrer persönlichen Unterlagen lassen sich ihre Biogra-phien (vor, während und nach der Lagerhaft), ihre Interessen, Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle nachvollziehen. Nachlässe sind für die Ausstellungsgestaltungen der Gedenkstätten von Bedeutung, da sie anhand von Einzelschicksalen dem Besucher die Thematik ãNS-KonzentrationslagerÒ näherbringen können. Einzelne Personen aus der großen Masse der Opfer werden mit Hilfe ihrer schriftlichen Hinterlassenschaft vorgestellt- stellvertretend für viele ihrer unbekannten Leidensgenossen. Die Gedenkstättennachlässe verdeutlichen beispielhaft, wie Ärzte, Hausfrauen, Schauspieler, Schlosser, Rechtsanwälte, Krankenschwestern, Schriftsteller, Lehrer, Musiker, Stenotypistinnen, Glaubensvertreter und viele andere Menschen lediglich aufgrund ihres Andersdenkens oder Andersseins sowie der öffent-lichen Äußerung ihrer konträren Meinung gegenüber dem herrschenden NS-Regime verhaftet, verurteilt und in ein oder mehrere Konzentrationslager überstellt wurden. 

Aufgrund der Tatsache, dass die Nachlasser ganz unterschiedliche Berufe ausübten und inso-weit keine inhaltlichen Zusammenhänge zwischen den Beständen herstellbar sind, verbleibt lediglich die, bezogen auf die gesamte Lebenszeit des einzelnen Bestandsbildners, doch kurze Zeitspanne der KZ-Haft (max. 12 Jahre) als das einzige verbindende und charakterisierende Merkmal der Gedenkstättennachlässe. 

Die Verschiedenheit der persönlichen Fonds in den Sammlungen der Gedenkstätten muß bei der Bestandsabgrenzung und Nachlaßgliederung beachtet werden. So unterscheidet sich das Nachlaßschriftgut eines Politikers in seinen inhaltlichen Schwerpunkten von dem eines Schriftstellers, Künstlers, Naturwissenschaftlers oder der Privatperson, welche sich zwar gegebenenfalls politisch und anderweitig engagiert, jedoch keine Person des öffentlichen Lebens ist. Für die Gedenkstättenarchive/-bibliotheken ergibt sich daher schlußfolgernd die Aufgabe, ihre Nachlaßbestände in ein einheitliches, allgemeingültig auf jeden Nachlaß anwendbares Ordnungsschema einzupassen, dieses innerhalb jedoch so flexibel zu gestalten, dass Überlieferungszusammenhänge und vorgefundene Ordnungsstrukturen bewahrt werden können. 

Der in der eingangs zitierten Nachlaßdefinition verwandte Terminus der Dokumente wird hinsichtlich der in den persönlichen Fonds vorkommenden Archivgutarten durch eine genaue zeitliche Eingrenzung (max. Ende des 19. Jahrhunderts/ Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute = Lebenszeit des Nachlassers) näher bestimmt. Bezüglich der vorkommenden Quellen-gattungen können keine Einschränkungen getroffen werden. Es läßt sich auch keine Festle-gung des enthaltenen Materials nach Qualität und Quantität in Bezug auf ausgeübte Berufe bzw. Tätigkeiten treffen, weil diese - wie bereits erwähnt - zu verschieden sein können. 

Den Hauptanteil der Nachlaßdokumente bildet das Schriftgut, jedoch können auch Plakate, Fotografien, Tonaufzeichnungen, Filme, Datenträger und vielfältiges Sammlungsgut (z.B. Briefmarken- und Kartensammlungen, Zettelkästen zu bestimmten Themen, Zeitungsausschnittsammlungen, evtl. Bücher und Zeitschriften u.v.m.) im Nachlaß enthalten sein. 

Obwohl sich die Nachlässe inhaltlich voneinander unterscheiden, so ergeben sich doch in jedem dieser Fonds die drei grobgefaßten Ordnungsgruppen Lebensdokumente, Arbeitsmaterial aus der beruflichen Tätigkeit und Briefe. Es handelt sich dabei um individuelles Schriftgut und demzufolge ist auch die Ordnung desselben durch den Nachlasser entsprechend individuell durchgeführt worden. Die meisten Menschen halten jedoch aus Zweckmäßigkeit und zum Teil unbewußt die genannte Unterteilung ein, indem sie z.B. einzelne Mappen oder Stehord-ner für Geburts-, Heirats- u.a. Urkunden, Zeugnisse, Rechnungen, Versicherungen, berufliche Unterlagen sowie geschäftliche/ private Briefe anlegen. Diese in einem persönlichen Fonds vorgefundene Ordnung kann der Archivar/ Bibliothekar für seine Erschließungsarbeiten nutzen. 

Die genannten Einteilungen in den persönlichen Registraturen finden sich auch in den Hauptordnungsgruppen eines allgemeingültigen Rahmenordnungsschemas für Gedenkstättennachlässe wieder: 

B: Biographische Unterlagen (Lebensdokumente in Form von Ausweisen, Urkunden, 
Zeugnissen, Lebensläufen, Ausbildungs- und Arbeitsnachweisen, Tagebüchern, 
Erlebnisberichten, Fotografien etc.) 
Diese Ordnungsgruppe gibt Auskunft über die Biographie des Nachlassers und 
ermöglicht es dem Benutzer, sich über das Leben des Nachlassers zu informieren. 

G: Geschäftspapiere (geschäftlich-berufliche sowie persönliche Unterlagen des Nachlassers). Diese Ordnungsgruppe ist von besonderer Bedeutung für den Nachlaß, weil durch sie die Zugehörigkeit zu einem entsprechenden Nachlaßtyp innerhalb der KZ-Gedenkstättennachlässe (literarischer, künstlerischer, wissenschaftlicher, politischer Nachlaß u.a.) bestimmt wird. Diese Hauptordnungsgruppe kann z.B. beim Bestand ei-ner literarisch tätigen Person in Werke und Manuskripte, bei dem Fonds eines Natur-wissenschaftlers in Forschungsarbeiten und Publikationen, bei einem Lehrer in Unter-richtsfächer und die entsprechenden Unterrichtsvorbereitungen unterteilt werden. 

K:  Korrespondenzen (Diese Ordnungsgruppe enthält im allgemeinen nur Privatbriefe des Nachlassers. Soweit es aufgrund der vorgefundenen Überlieferungszusammenhänge notwendig erscheint, kann hier auch eine Unterteilung in Privat- und Geschäfts- bzw. halbprivate Korrespondenzen vorgenommen werden.) 

M: Materialsammlung (Sammlungs- und Erinnerungsstücke, die keinen direkten Bezug zu Leben und Beruf des Nachlassers aufweisen; Nachlaßschriftstücke aus der Provenienz von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten usw.) 

Die Vorteile der Anwendung solch eines allgemeingültigen Rahmenordnungschemas in den Archiven oder Bibliotheken der KZ-Gedenkstätten liegen vor allem in einer Vereinfachung der Erschließung und der Benutzung persönlicher Bestände. Es führt zu einer formalen, je-doch nicht inhaltlichen Vereinheitlichung der Nachlässe. Den inhaltlichen Unterschieden und Schwerpunkten kann das Schema durch entsprechende Untergliederungspunkte der Hauptordnungsgruppen (vor allem der Gruppe der Geschäftspapiere) angepaßt werden. Es ist möglich, dieses Rahmenordnungsschema in jede bereits bestehende Tektonik der Gedenk-stättenarchive/- bibliotheken einzupassen. Ein weiterer, sehr wichtiger Vorteil der Anwen-dung des Schemas liegt darin, dass Erschließungs- und Inventarisierungsarbeiten  an Nach-laßbeständen im Rahmen von kurzzeitigen Praktika und Projekten auch durch Nicht-Archivare/ -Bibliothekare bei Wahrung eines hohen Niveaus durchgeführt werden können. 

Wurden  Nachlaßbestände in den Archiven und Bibliotheken der KZ-Gedenkstätten bisher eher als marginales Sammlungsgut angesehen, erlangen sie zunehmend mehr Bedeutung für die historische und die Gedenkstättenforschung. Der sich in den vergangenen Jahren zunächst durchschnittlich auf 1,5  Nachlässe pro Jahr belaufende Dokumentenzuwachs in den Gedenk-stättenarchiven  ist zum Teil auf das Drei- bis Fünffache angestiegen. Das Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück erhielt beispielsweise in diesem Jahr 8 Teil-, Brief- und Kleinnachlässe im Rahmen von Schenkungen. Durch die zu erwartenden vermehrten Abga-ben von persönlichen Beständen werden die theoretischen Grundlagen der Nachlaßerschlie-ßung in der Zukunft noch weiter verstärkt wissenschaftlich und hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzung durch die Archivare und Bibliothekare der KZ-Gedenkstätten zu diskutieren sein.

Kathrin Paesch

 

1 Paesch, Kathrin: Nachlässe in den Archiven der KZ- Mahn- und Gedenkstätten,   Frankfurt/M., S. 19-32; Hier werden Nachlaßdefinitionen und øerschließungsmethoden der Archiv- und Bibliothekswissenschaft miteinander verglichen. 
2 Ebd. , S.75.; vgl. mit Schmid, Gerhard: Bestandserschließung im Literaturarchiv, München 1996, S.21.