Dienstag, 29. April 2014 19:00 Uhr

Wirtschaftlicher oder nationaler Antisemitismus? Die „Judenfrage” in der Slowakei im 19. und 20. Jahrhundert

Dr. Miloslav Szabó, Prag/Wien
Moderation: Prof. Dr. Werner Bergmann, Berlin

Im Rahmen der Vortragsreihe Antisemitismus in Europa 1879–1945

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(Gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas)

Das Gebiet der Slowakei gehörte als Teil des Königreichs Ungarn von 1525 bis 1918 zur Habsburger Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten Tschechen und Slowaken die Tschechoslowakische Republik. Nach deren Zerschlagung durch das NS-Regime bestand die Slowakei von 1939 bis 1945 als autoritärer Nationalstaat, der mit dem Deutschen Reich kooperierte.
In seinem Vortrag gibt Miloslav Szabó einen Überblick über die Entwicklung des slowakischen Antisemitismus und analysiert dessen Ursachen. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden die Juden zunehmend zum „nationalen Feind” erklärt, denen vorgeworfen wurde, sie hätten sich in den Dienst der planmäßigen Magyarisierung der slowakischen Bevölkerung gestellt und würden deren systematische Ausbeutung betreiben. Zur selben Zeit sahen sich die Juden mit einem organisierten Antisemitismus konfrontiert, der um 1900 im Umfeld des politischen Katholizismus einen weiteren Höhepunkt erreichte. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in der Slowakei zu pogromartigen antijüdischen Ausschreitungen. Ab 1938 verstärkte sich der Antisemitismus durch den Rechtsruck der slowakischen Politik. Das von „Hlinkas Slowakischer Volkspartei” getragene Regime trieb nach 1940 die schrittweise Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bürger voran. Die Mehrheit der slowakischen Juden wurde deportiert und in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet.

Miloslav Szabó, 1974 geboren, ist Research Fellow am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jüdischen Museum in Prag. Er studierte Geschichte und Germanistik in Bratislava, Wien und Berlin und promovierte an der Karls-Universität Prag mit einer Studie über Alfred Rosenberg und seine Schrift „Der Mythus des 20. Jahrhunderts”. Szabó war Mitglied des Forschungskollegs „Antisemitismus in Europa”. Gerade ist seine Studie „Von Worten zu Taten.” Die slowakische Nationalbewegung und der Antisemitismus 18751922 (2014) erschienen.

Werner Bergmann, 1950 geboren, ist Professor für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und verantwortlicher Leiter des Forschungskollegs „Antisemitismus in Europa”. Zu seinen Veröffentlichungen gehört der gemeinsam mit Ulrich Wyrwa verfasste Band Antisemitismus in Zentraleuropa. Deutschland, Österreich und die Schweiz vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (2011).