Dienstag, 1. Oktober 2013 19:00 Uhr

Verdecktes Schreiben – offenes Bekenntnis. Das „Schriftleitergesetz” vom 4. Oktober 1933 und die Publizistik im NS-Regime

Vortrag: Prof. Dr. Bernd Sösemann
Moderation: Prof. Dr. Andreas Nachama

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(Im Rahmen der Ausstellung „Zwischen den Zeilen? Zeitungspresse als NS-Macht­instrument”)

Sogleich nach dem 30. Januar 1933 setzten die Steuerung der Presse und die Verfolgung von Journalisten durch die Hitler-Papen-Hugenberg-Koalition ein. Notverordnungen, ein „Ermächtigungsgesetz” und das Verbot aller demokratischen Parteien führten zum systematischen Ausschluss jeglicher nicht der NSDAP zugeordneten Parteipresse, zur Reglementierung der Nachrichtenpolitik und umfassenden Lenkung der Berichterstattung. Opportunistische Verleger, Publizisten und Berufsverbände erleichterten dem Regime den Ausbau der Überwachung. Im Unternehmen und Verband übernahmen sie das „Führerprinzip” und den „Arierparagraphen”. Neben wirtschaftspolitischen Maßnahmen, der Gründung eines „Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda” und der „Reichskulturkammer” bildete das „Schriftleitergesetz” vom 4. Oktober 1933 ein wesentliches Instrument zum weiteren Ausbau der Presselenkung. Es definierte die Zulassung zum Beruf, begründete die „Umwandlung der Presse in ein öffentliches Organ” und verpflichtete den „Schriftleiter” zum Dienst für die formierte „Volksgemeinschaft”.
In seinem Vortrag informiert Bernd Sösemann über dieses Gesetz, die öffentliche Kommunikation in der NS-Diktatur und die Arbeit der weiterhin tätigen Journalisten sowie über die Publizistik im Untergrund. Ausgelotet wird insbesondere, in welchem Ausmaß noch Möglichkeiten eines verdeckten Schreibens genutzt werden konnten, um Zensur- und Presseanweisungen zu unterlaufen oder auch regimekritische Inhalte zu vermitteln.

Bernd Sösemann, 1944 geboren, ist Universitätsprofessor a.D. für Geschichte der öffentlichen Kommunikation und Leiter der „Arbeitsstelle für Kommunikationsgeschichte und interkulturelle Publizistik” am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft der Freien Universität Berlin. Er lehrte an den Universitäten von Cagliari, Rom, Trient und Sydney und veröffentlichte u.a. Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft (2002, Hg.), eine mehrbändige Edition der Werke, Briefe und Tagebücher Theodor Wolffs sowie die Monographie Theodor Wolff. Ein Leben mit der Zeitung (2012, erw. Neuausgabe). Zu seinen aktuellen Publikationen zählt auch das zweibändige Werk Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur (2011, Hg., in Zusammenarbeit mit Marius Lange).

Andreas Nachama ist Geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

„Zwischen den Zeilen?” Begleitprogramm (PDF)