Dienstag, 8. April 2014 20:00 Uhr

Psychiatrie im Nationalsozialismus: Erinnerung und Verantwortung

Podiumsgespräch: Prof. Dr. Volker Roelcke, Gießen, und Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, Aachen
Moderation: Prof. Dr. Andreas Nachama, Berlin

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

Begleitprogramm zur Ausstellung erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus

(Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas)

Zu den Opfern der Psychiatrie im Nationalsozialismus zählen mehrere hunderttausend Menschen. Allein weit über 300.000 psychisch Erkrankte wurden ab 1934 zwangssterilisiert. Etwa 50 Psychiater und Neurologen gehörten ab Herbst 1939 zu den Gutachtern der „Euthanasie”-Aktion unter dem Tarnnamen „T4”, die darüber entschieden, welche Patienten der Heil- und Pflegeanstalten selektiert und ermordet wurden. Auch in den besetzten Gebieten Osteuropas wurden Massenmorde an Anstaltspatienten verübt. Nach 1945 wurde seitens der ärztlichen Fachgesellschaften, darunter auch der Psychiatrie, lange zu den Verbrechen im Nationalsozialismus geschwiegen, zu denen auch die Verfolgung von Psychiatern jüdischer Herkunft sowie die medizinische Forschung an als „minderwertig” eingestuften Menschen in psychiatrischen Anstalten gehörte.
Im Podiumsgespräch erörtern Volker Roelcke und Frank Schneider die Geschehnisse auf dem Feld der Psychiatrie im Nationalsozialismus, informieren über die zum Teil ungebrochen fortgesetzten Karrieren von namhaften Vertretern der Psychiatrie in der Nachkriegs-zeit und lenken den Blick auf heute geführte ethische Debatten.

Volker Roelcke, 1958 geboren, ist Professor für Geschichte der Medizin und Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Gießen. Seit 2009 ist er Vorsitzender der Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der DGPPN. Nach einem Studium der Medizin sowie der Ethnologie, Alten Geschichte und Philosophie absolvierte er eine Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie. Zu seinen aktuellen Publikationen gehört der Band „Heroische Therapien”. Die deutsche Psychiatrie im internationalen Vergleich 1918–1945 (2013, hg. mit Hans-Walter Schmuhl).

Frank Schneider, 1958 geboren, ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen und Prodekan der Medizinischen Fakultät. Er war Präsident der DGPPN und ist Mitglied in deren Vorstand. Nach einem Studium der Psychologie und Medizin absolvierte er eine Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt. Gemeinsam mit Petra Lutz ist er Herausgeber des Ausstellungskatalogs erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus (2014).

Andreas Nachama ist Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.