Dienstag, 5. April 2016 19:00 Uhr

Probleme des „Austrofaschismus” und „Austronazismus”

Vortrag: Prof. Dr. Gerhard Botz, Wien
Moderation: Klaus Hesse, Berlin

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

Im Rahmen der Reihe Faschismus in Europa 1918–1945

(Gemeinsam mit Prof. Dr. Arnd Bauerkämper, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin)

Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich in der österreichischen Republik paramilitärische Wehrverbände, die sich überwiegend an deutschen Einwohnerwehren, dann am italienischen Faschismus orientierten und sich in Heimwehren formierten. Teilweise aufgrund des Drucks der Heimwehr und Italiens, aber auch aufgrund innerösterreichischer „berufsständischer” und autoritätsstaatlicher Tendenzen kam es ab 1932 unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zur schrittweisen Demontage des parlamentarischen Rechtsstaats in Österreich und zur Proklamation eines „Christlichen Ständestaats”, der von Schuschnigg fortgesetzt wurde und 1938 unter äußerem und innerem Druck kollabierte. Schon früher war in Altösterreich ein eigenständiger Nationalsozialismus entstanden, der ab 1922 immer stärker unter deutschen Einfluss geriet und schließlich zum von Hitler erzwungenen und von österreichischen Nationalsozialisten unterstützten „Anschluss” führte.
In seinem Vortrag gibt Gerhard Botz einen Überblick über die Entwicklung des autoritären Herrschaftssystems in Österreich und diskutiert die Probleme des sog. „Austrofaschismus” und des „Austronazismus”: Welchen Regime-Charakter hatte die Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur? In welchem Verhältnis stand sie zum Nationalsozialismus? War der Nationalsozialismus in Österreich autochthon oder nur „deutsch”, wie oft behauptet wurde?

Gerhard Botz, 1941 geboren, ist Professor em. am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien sowie Gründer und Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Österreich 1918 bis 1938 (erw. Neuaufl., 1983), Die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich. Planung und Verwirklichung des politisch-administrativen Anschlusses (1938–1940) (erg. Neuaufl., 1988) und, als Mitherausgeber, Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte (2., erw. Aufl., 2008). Zuletzt erschien sein Aufsatz Dollfuß' Trabrennplatzrede, „harmonische Bauernfamilie” und die Fiktion des „Ständestaats” (2015).

Klaus Hesse ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Topographie des Terrors.