Dienstag, 29. November 2016 19:00 Uhr

Nicht nur Opfer und Täter. Überlegungen zur sozialen Dynamik massenhaften Tötens

Vortrag: Dr. Michaela Christ, Flensburg
Moderation: Dr. Ulrich Baumann, Berlin

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

Im Rahmen es Begleitprogramms zur Sonderausstellung „Massenerschießungen. Der Holocaust zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 1941–1944”

(Gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas)

Der Holocaust war ein komplexer sozialer Prozess. Will man diesen beschreiben, so greifen die statischen Begriffe „Täter” und „Opfer” oft zu kurz. Zum einen waren die Handlungsspielräume und Handlungsweisen innerhalb der Gruppen sehr unterschiedlich. Zum anderen verliert eine ausschließlich auf Opfer und Täter fokussierte Holocaust-Geschichte, insbesondere bei den Massenerschießungen in Osteuropa, die nicht-jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner der besetzten Gebiete aus dem Blick. Sie waren auf verschiedene Weise und aus unterschiedlichen Gründen als Zuschauer und „Bystander”, als Zuarbeiter der Gewalt, als Kollaborateure, als Retter und Helferinnen in die Dynamiken der Gewalt involviert. Auch unter der nicht-jüdischen Bevölkerung gab es zahlreiche Opfer, denn der deutsche Vernichtungskrieg richtete sich zugleich gegen Roma, gegen „Asoziale”, „Berufsverbrecher” sowie als Partisanen beschuldigte Zivilisten.
Im Zentrum des Vortrags stehen die Massenerschießungen in der ukrainischen Stadt Berditschew, denen rund 12.000 Menschen zum Opfer fielen. Michaela Christ beschreibt und analysiert wesentliche soziale Prozesse, die der Ermordung der jüdischen Bevölkerung vorausgingen, die sie rahmten und begleiteten.

Michaela Christ ist Soziologin und Leiterin des Bereichs Diachrone Transformationsforschung am Norbert Elias Center der Europa-Universität Flensburg. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Die Dynamik des Tötens. Die Ermordung der Juden in Berditschew. Ukraine 19411944 (2011), Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch (2013, hg. mit Christian Gudehus) und Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven (2014, hg. mit Maja Suderland). Im Begleitband zur Ausstellung „Massenerschießungen” ist sie mit dem Beitrag Gewaltbilder. Über das Zeigen und Betrachten von Fotografien der Extreme vertreten.

Ulrich Baumann ist stellvertretender Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Kurator der Ausstellung „Massenerschießungen”.