Dienstag, 4. November 2014 19:00 Uhr

Kriminalistik zwischen Rassenutopie und Kontrollverlust. Das Amt V des Reichssicherheitshauptamts

Vortrag: Prof. Dr. Patrick Wagner (Halle)
Moderation: Prof. Dr. Michael Wildt (Berlin)

Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8 10963 Berlin
Eintritt frei

Im Rahmen der Reihe Das Reichssicherheitshauptamt. NS-Terror-Zentrale im Zweiten Weltkrieg

Die Kriminalpolizei wurde ab 1936 zu einer zentralgelenkten Behörde ausgebaut und mit der Geheimen Staatspolizei im Hauptamt „Sicherheitspolizei” unter Reinhard Heydrich zusammengefasst. Im 1939 neu gegründeten Reichssicherheitshauptamt war das Reichskriminalpolizeiamt als Amt V unter Arthur Nebe wesentlich an der nationalsoziali­stischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik beteiligt.
In seinem Vortrag beschreibt Patrick Wagner die Radikalisierung der Konzepte und Praktiken des für „Verbrechensbekämpfung” zuständigen Amtes V, dessen Beamte auf der Grundlage eines rassistisch-biologistischen Programms mehr als 100.000 Menschen in die Konzentrationslager deportierten, darunter vermeintliche „Berufsverbrecher” und „Asoziale” sowie Sinti und Roma. Zugleich übte die Kriminalpolizei starken Druck auf die Strafjustiz aus, ihre Urteilspraxis zu radikalisieren. In Osteuropa nahmen Kripo-Beamte als Mitglieder der „Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD” an deren Massenmorden teil. Der Vortrag befasst sich auch mit den personellen und konzeptionellen Kontinuitäten in der bundesrepublikanischen Polizei nach 1945.

Patrick Wagner, 1961 geboren, ist Professor für Zeitgeschichte am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er hat zahleiche Veröffentlichungen vorgelegt, darunter Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpolizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus (1996), Hitlers Kriminalisten. Die deutsche Kriminalpolizei und der Nationalsozialismus zwischen 1920 und 1960 (2002) und Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik (2011, mit Imanuel Baumann, Herbert Reinke und Andrej Stephan).

Michael Wildt, 1954 geboren, ist Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hat zahlreiche Studien zum NS-Terror publiziert, darunter Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamts (2002, durchges. und akt. Neuausgabe 2008) sowie der Aufsatz Polizei der Volksgemeinschaft – Terror und Verfolgung im Deutschen Reich 1933–1945 (Katalogband zur Ausstellung „Topographie des Terrors”, 2010).