Dienstag, 15. April 2014 19:00 Uhr

Ideologie und Herrschaftsrationalität. Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen

Vortrag: Dr. Gerhard Wolf, Brighton (Großbritannien)
Moderation: Prof. Dr. Michael Wildt, Berlin

Im Rahmen der Vortragsreihe Krieg – Besatzung – Erinnerung. Polen und der Zweite Weltkrieg

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(Gemeinsam mit dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften)

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Polen zum Experimentierfeld nationalsozialistischer „Rassen-” und Bevölkerungspolitik. In den dem Deutschen Reich eingegliederten Gebieten des „Warthegaus” und des „Reichsgaus Danzig-Westpreußen” wurden hunderttausende Polen enteignet und in das nicht direkt annektierte polnische Gebiet des „Generalgouvernements” vertrieben, um Platz für die Ansiedlung „volksdeutscher” Umsiedler zu schaffen. Parallel dazu verlief die Deportation der jüdischen Bevölkerung. Die zahlreichen Ghettos und Vernichtungslager, die SS, Polizei und Zivilverwaltung in Polen einrichteten, wurden zu Zentren des Völkermords an den europäischen Juden. 
In seinem Buch Ideologie und Herrschaftsrationalität. Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen (2013) zeigt Gerhard Wolf, dass sich im Verlauf des Zweiten Weltkriegs in Polen eine Bevölkerungspolitik durchsetzte, die nicht nur auf Vertreibung und Massenmord, sondern auch auf Zwangsassimilierung setzte: Die von der SS vorangetriebene rassische Selektionspolitik scheiterte an der Politik der Zivilverwaltungen, die erkannten, dass die wirtschaftliche Ausbeutung der annektierten Gebiete und ihre dauerhafte Sicherung nicht gegen, sondern nur mit dem größten Teil der einheimischen Bevölkerung zu erreichen war. Ausgeschlossen von allen Assimilationsbestrebungen blieb die jüdische Bevölkerung.

Gerhard Wolf, 1972 geboren, ist Lecturer for History an der University of Sussex in Brighton und stellvertretender Leiter des dortigen Centre for German-Jewish Studies. Er ist seit 2001 freier Mitarbeiter an der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und war von 2002 bis 2004 Mitarbeiter der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944” des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Mit der vorliegenden Studie wurde er an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Die Arbeit ist in der Reihe Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von Jörg Baberowski, Bernd Greiner und Michael Wildt, erschienen.

Michael Wildt, 1954 geboren, ist Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hat zahlreiche Studien zur Geschichte der Gewalt und zum nationalsozialistischen Terror publiziert.