Samstag, 25. April 2015 14:00 Uhr

Film im NS-Staat | Colloquium

14.00–17.30 Uhr

Anmeldung bis 22.04.15: veranstaltungen(at)topographie.de

Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

Im Rahmen der Reihe Kunst im NS-Staat. Ideologie, Ästhetik, Protagonisten

Leitung: Dr. Rainer Rother, Berlin

Staatskunst und die Kunst des Staates: Reichsfilmkammer, Reichskulturkammer, Filmschrifttum
Marian Kaiser M.A., Berlin
Am 14. Juli 1933 erließ die Reichsregierung das „Gesetz über die Errichtung einer vorläufigen Filmkammer”. Auf dessen Grundlage wurde zwei Monate später das Reichskulturkammergesetz verabschiedet. Neben dem Film bezog es sich auch auf die Bereiche bildende Kunst, Musik, Theater, Schrifttum, Presse und Rundfunk und verfügte eine Zwangsmitgliedschaft für alle Berufstätigen im Kulturbereich. Der Vortrag untersucht die administrativen Abläufe innerhalb der Reichsfilm- und Reichskulturkammer und nimmt auch die zeitgenössischen Theorien des Films als „volksbildendes” Kunstwerk in den Blick.

Leni Riefenstahl – Kunst als Menschenversuch
Nina Gladitz, Berlin
Eine als Komparsin für Leni Riefenstahls Film „Tiefland” verpflichtete Internierte des „Zigeunerlagers” Salzburg-Maxglan erinnerte sich: „Leni Riefenstahl sagte zu mir, ich solle mit einem Krug auf dem Kopf die Dorfgasse herunterkommen, so als hätte ich schweres Herzeleid. Als die Szene zu Ende war, war sie so glücklich, wie ich das gemacht habe, dass sie mich weinend umarmt hat. Das war ja auch nicht schwer für mich das zu spielen, denn ich hatte ja tatsächlich großes Herzeleid. Ich war doch frisch Witwe, weil mein Mann gerade erschossen worden war und nun war ich ganz alleine auf mich gestellt, mit zehn Kindern.”
Nina Gladitz dazu: „Die Ängste der Komparsen wurden aus dem Kontext ihres bevorstehenden Todes gerissen, um daraus das zu machen, was Riefenstahl unter Kunst verstand.”

Pause (ca. 15.30–15.50 Uhr)

Antisemitische Propaganda im NS-Film: Der ewige Jude, Jud Süß, Robert und Bertram
Prof. Dr. Wolfgang Benz, Berlin
Das Repertoire antisemitischer Filme war nicht unerheblich. Zur Einübung und Vertiefung der Judenfeindschaft benutzte die NS-Propaganda nicht nur eindeutig markierte Produktionen wie die künstlerisch anspruchsvollen Spielfilme „Jud Süß” und „Die Rothschilds – Aktien auf Waterloo” sowie die hasserfüllte Kompilation „Der ewige Jude”. Das Lustspiel „Robert und Bertram” zeichnet das Zerrbild des jüdischen Kapitalisten, in der Komödie „Venus vor Gericht” dienen die Stereotypen des Antisemitismus gleichzeitig der Denunziation der künstlerischen Avantgarde.

NS-Unterhaltungsstars zwischen Propaganda und Traumfabrik – Eine Rollentypologie
Claudia Lenssen M.A., Berlin
Parallel zu seiner Funktion als Propagandainstrument sollte das NS-Kino der schieren Massenunterhaltung dienen. Musikfilme, Komödien und Romanzen versprachen Zerstreuung und  Ablenkung. Goebbels persönlich kontrollierte die wachsende Filmindustrie und lenkte die Nachahmung moderner Hollywood-Standards. Seine Stars stimmten auf scheinbar unpolitische Gegenwelten ein, auf zivile Rollenbilder, mondänen Genuss, privates Glück und optimistische Leichtigkeit. Nicht zuletzt verdankte sich ihr ungebrochener Nachkriegsruhm diesem widersprüchlichen Mythos eskapistischer Unterhaltung. 

Im Anschluss an die Referate und am Ende der Veranstaltung besteht Gelegenheit zur Diskussion.

Wolfgang Benz, 1941 geboren, ist Professor em. an der Technischen Universität Berlin und war bis März 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung. Der Historiker ist Autor und Herausgeber zahlreicher Werke zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert und zur Vorurteilsforschung.

Nina Gladitz, 1946 geboren, studierte Sozialpädagogik und später Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik. Sie ist Autorin zahlreicher Dokumentarfilme, u.a. Zeit des Schweigens und der Dunkelheit (1982) und Perlasca (1992). Zur Zeit arbeitet sie an einer Doppelbiographie über Leni Riefenstahl und ihren Kameramann Willy Zielke.

Marian Kaiser, 1977 geboren, ist Medientheoretiker, Kulturwissenschaftler und Filmautor. Er arbeitet derzeit an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Zu seinen Forschungsthemen gehören Politik und Theorie des Films im „Dritten Reich”.  

Claudia Lenssen, 1950 geboren, studierte Germanistik, Publizistik, Theater- und Filmwissenschaft. Sie arbeitet als Filmhistorikerin, Kritikerin und Kuratorin in Berlin und hat zahlreiche Publikationen über kontrovers diskutierte Schauspiel- und Regiepersönlichkeiten veröffentlicht

Rainer Rother, 1956 geboren, ist Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen und Leiter der Retrospektive der Berlinale. Er legte zahlreiche Veröffentlichungen zur Filmgeschichte, insbesondere auch zum Film des Nationalsozialismus, vor.

Kunst im NS-Staat. Ideologie, Ästhetik, Protagonisten (Flyer, PDF)