Donnerstag, 22. Juni 2017 19:00 Uhr

Die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren. Lokale Initiativen, zentrale Entscheidungen, jüdische Antworten 1939–1945

Vortrag: Prof. Dr. Wolf Gruner, Los Angeles
Moderation: Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Berlin

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(Gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin)

Von den über 118.000 im März 1939 in Böhmen und Mähren lebenden Juden fielen etwa 80.000 dem Holocaust zum Opfer. Seit der Errichtung des Protektorats hatten tschechische und deutsche Behörden die antijüdische Politik radikalisiert: Sie beraubten die Juden ihres Eigentums, ghettoisierten sie, zogen sie zur Zwangsarbeit heran und deportierten sie schließlich nach Theresienstadt, bevor viele von dort in die Vernichtungslager verschleppt wurden.
In seiner Studie Die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren (2016) zeigt Wolf Gruner, dass die Politik nicht allein von Berlin aus gesteuert oder von den Besatzern bestimmt, sondern oft von der tschechischen Regierung oder lokalen Behörden vorangetrieben wurde. Prager Initiativen beförderten sogar zentrale Entscheidungen im Deutschen Reich. Das Protektorat nahm damit eine wichtige Zwischenstellung in der Radikalisierung der Judenverfolgung in Europa ein. Anhand vieler neuer Quellen, darunter der bislang unbekannten Wochenberichte der Jüdischen Gemeinde Prag an Adolf Eichmann, analysiert Gruner auch die Auswirkungen auf das Leben der jüdischen Bevölkerung sowie deren Reaktionen und Widerstand.

Wolf Gruner, 1960 geboren, ist Inhaber des Shapell-Guerin Chairs in Jewish Studies, Professor für Geschichte und Gründungsdirektor des USC Shoah Foundation Center for Advanced Genocide Research an der University of Southern California in Los Angeles. Zu seinen Publikationen gehören Öffentliche Wohlfahrt und Judenverfolgung. Wechselwirkungen lokaler und zentraler Politik im NS-Staat (1933–1942) (2002), Das Großdeutsche Reich und die Juden. Nationalsozialistische Verfolgungspolitik in den angegliederten Gebieten (2010, hg. mit Jörg Osterloh) sowie Judenverfolgung in Berlin 1933–1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt (2. erw. Aufl. 2009; engl. 2014, hg. von der Stiftung Topgraphie des Terrors).

Stefanie Schüler-Springorum ist Professorin an der Technischen Universität Berlin und Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung.