Dienstag, 16. Mai 2017 19:00 Uhr

Bulgarien, ein Land ohne Antisemitismus?

Vortrag: Veselina Kulenska, Berlin
Moderation: Prof. Dr. Ulrich Wyrwa, Berlin

Topographie des Terrors Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

Im Rahmen der Vortragsreihe Antisemitismus in Europa 1879–1945

(Gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden)

Als Bulgarien 1878 seine staatliche Unabhängigkeit erlangte, wurde die rechtliche Stellung der bulgarischen Juden garantiert. Gleichzeitig kam es zu antisemitischen Aktionen und in den Jahren um 1900 auch zu Pogromen. Dennoch konnten Antisemiten keinen nachhaltigen Einfluss auf die Öffentlichkeit und das gesellschaftliche Leben in Bulgarien ausüben. Gegen Ende der 1920er Jahre traten diverse rechtsextreme Splittergruppen antisemitisch auf. Im Zuge einer Annäherung an das „Deutsche Reich” wurde während des Zweiten Weltkriegs unter König Boris III. die amtliche Politik gegen Juden erheblich verschärft und im August 1942 ein „Kommissariat für Judenfragen” gegründet, das die Deportation aller etwa 63.000 Juden auf dem inzwischen vergrößerten Territorium Bulgariens in die Vernichtungslager vorbereiten sollte. Insgesamt wurden etwa 11.400 Menschen aus den annektierten Gebieten deportiert. Für die westbulgarischen Juden verfügte die Regierung aufgrund von Protesten jedoch einen Aufschub der Deportation. Im September 1944 hob sie schließlich die antijüdischen Gesetze auf.
In ihrem Vortrag beschreibt Veselina Kulenska die Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus in Bulgarien und erörtert die Frage, warum das Land häufig als ein „Land ohne Antisemitismus” gegolten hat.

Veselina Kulenska, 1982 in Pazardshik (Bulgarien) geboren, ist Lehrerin für Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin und Doktorandin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Sie ist Autorin des Aufsatzes „... als unser Vaterland von Tschifuten überrannt wurde”. Emotion und Kalkül in der Haltung des bulgarischen Antisemiten Nikola Mitakov (2014). Ihre kürzlich verteidigte Dissertation über das Thema „Antisemitismus in Bulgarien am Ende des 19. Jahrhunderts” wird demnächst erscheinen.

Ulrich Wyrwa, 1954 geboren, Historiker, ist Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und wissenschaftlicher Leiter des Forschungskollegs „Antisemitismus in Europa”.