Dienstag, 7. Januar 2014 19:00 Uhr

Zwischen Deutschen und Tschechen? Antisemitismus in den böhmischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert

Vortrag:
Dr. Michal Frankl
Moderation:
Prof. Dr. Werner Bergmann

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(Im Rahmen der Vortragsreihe Antisemitismus in Europa 1879–1945)

(In Kooperation mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin)

Die böhmischen Länder gehörten von 1525 bis 1918 zur Habsburger Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie Teil der Tschechoslowakei. Infolge des „Münchner Abkommens” mussten die Sudetengebiete 1938 an das Deutsche Reich abgetreten wer-den. Der Rest der böhmischen Länder stand zwischen März 1939 und Mai 1945 als „Protektorat Böhmen und Mähren” unter deutscher Besatzungsherrschaft.
In seinem Vortrag gibt Michal Frankl einen Überblick über die Entwicklung des Antisemitismus in den böhmischen Ländern. Während lange die Verschärfung des nationalen Konflikts zwischen Tschechen und Deutschen als entscheidender Faktor für die Entstehung des Antisemitismus angesehen wurde, arbeitet Frankl die sozialen und politischen Ursachen dieser neuen Form von Judenfeindschaft heraus, die sich vor allem im Antiliberalismus und Antisozialismus von Teilen der tschechischen Bevölkerung äußerte. In der Tschechoslowakischen Republik stand der Antisemitismus auch im Zusammenhang mit der Konstruktion des neuen Staates und der Minderheitenfrage. Während der NS-Besatzungszeit wurden die meisten Juden aus dem „Protektorat” in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Die Mehrheit von ihnen wurde später in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert.

Michal Frankl, 1974 in Prag geboren, ist Leiter der Abteilung für jüdische Studien und die Geschichte des Antisemitismus im Jüdischen Museum in Prag. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts Theresienstädter Initiative. Er absolvierte ein Studium der Politikwissenschaft und Neueren Geschichte und promovierte an der Karls-Universität Prag. Die deutsche Übersetzung seiner Dissertation erschien 2011 unter dem Titel „Prag ist nunmehr antisemitisch.” Tschechischer Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts.

Werner Bergmann, 1950 geboren, ist Professor für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und verantwortlicher Leiter des Forschungskollegs „Antisemitismus in Europa“. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, darunter der gemeinsam mit Ulrich Wyrwa verfasste Band Antisemitismus in Zentraleuropa. Deutschland, Österreich und die Schweiz vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (2011).