Dienstag, 13. März 2012 19:00 Uhr

Medizin im Nationalsozialismus: Forschungsstand und Fragestellungen

Vortrag: Prof. Dr. Volker Roelcke, Gießen
Moderation: PD Dr. Thomas Beddies, Berlin

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei –

(Im Rahmen der Sonderausstellung „Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit”)

In seinem Vortrag informiert Volker Roelcke über das Verhältnis zwischen national­sozialistischem Staat und Ärzteschaft und über die eugenisch-rassenhygienisch motivierte „Erbgesundheits“- und Sterilisationspolitik. Er beschreibt das nationalsozialistische Programm der Tötung von „lebensunwerten“ psychisch kranken und behinderten Menschen („Euthanasie“) und lenkt den Blick auch auf den Aspekt menschenverachtender medizinischer Forschung.

Roelcke diskutiert zentrale Fragen, die sich auch heute für die Medizin und Gesundheitsberufe stellen. Hierzu gehört die Frage nach der Bereitschaft und Grenze von Medizinern und anderen Gesundheitsberufen, sich Erwartungen derjenigen anzupassen, die Macht und Geld haben. Ferner geht es um die Frage nach der Bereitschaft, wissenschaftliche und gesundheits- bzw. sozialpolitische Programme, die auf die Optimierung der biologischen Ausstattung und Leistungsfähigkeit von sozialen Gruppen und Individuen zielen, auch auf Kosten der Schwachen in der Gesellschaft umzusetzen. Erörtert wird zudem die Frage nach den Grenzen der Freiheit in der Wissensproduktion bzw. den Wertkonflikten und -hierarchien zwischen der Produktion neuen Wissens, Karrierewünschen und dem Schutz von Versuchspersonen.

Volker Roelcke, 1958 geboren, ist Professor für Geschichte der Medizin und Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Gießen. Nach einem Studium der Medizin sowie der Ethnologie, Alten Geschichte und Philosophie absolvierte er eine Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Psychiatrie im 19. und 20. Jahrhundert, der Medizin im Nationalsozialismus sowie die Geschichte und Ethik der Forschung am Menschen. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt. Zu den aktuellen Publikationen gehört der Aufsatz Psychiatrie im Nationalsozialismus. Historische Kenntnisse, Implikationen für aktuelle ethische Debatten (2010).

Thomas Beddies, 1958 geboren, ist Assistent am Institut für Geschichte der Medizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Der Historiker ist Kurator der Ausstellung Im Gedenken der Kinder und Mitglied der Historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Psychiatrie und der Medizin im Nationalsozialismus.