Dienstag, 17. Oktober 2017 19:00 Uhr

Luther und der protestantische Antisemitismus in der nationalsozialistischen Gesellschaft

Vortrag: Prof. Dr. Manfred Gailus, Berlin
Moderation: Dr. Angelika Königseder, Berlin

Begleitprogramm zur Sonderausstellung „‚Überall Luthers Worte …’ – Martin Luther im Nationalsozialismus”

Topographie des Terrors, Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(Gemeinsam mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Der in evangelischen Kirchenkreisen weit verbreitete und häufig kräftig ausgeprägte Antisemitismus der NS-Zeit speiste sich aus vielen Motiven und Quellen, nicht allein aus religiösen oder theologischen Schriften. Vorwiegend handelte es sich um Quellen, die den Protagonisten von 1933 historisch und biografisch näher lagen als Luthers „Judenschriften”. Luthers Judenhass, der in seinen Spätschriften auf krasse Weise zum Ausdruck kam, schloss Motive ein, die über den traditionellen christlichen Antijudaismus hinausgingen und von der jüngeren Forschung als Elemente eines „vormodernen Antisemitismus” gewertet werden. Überall dort, wo Luthers einschlägige „Judenschriften” seit 1933, zumeist in Auszügen, neue Aktualität erlangten und publizistisch Verbreitung fanden, bekräftigten sie den ohnehin bereits vorhandenen protestantischen Antisemitismus und verliehen ihm zusätzliche Legitimationen.
In seinem Vortrag geht Manfred Gailus der Frage nach antisemitischen Luther-Rezeptionen in den evangelischen Kirchen nach. Er zeigt, dass sich diese vor allem für den Wirkungsbereich der „Deutschen Christen” nachweisen lassen, die etwa ein Drittel des zeitgenössischen Protestantismus repräsentierten und eine völkische Reichskirche ohne „Nichtarier” anstrebten. Die Kirchenopposition der „Bekennenden Kirche” vermied den Rekurs auf die „Judenschriften” des Reformators weitgehend.

Manfred Gailus, 1949 geboren, ist apl. Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Zu seinen neueren Publikationen gehören Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 19331945 (2015, Hg.), Für ein artgemäßes Christentum der Tat. Völkische Theologen im „Dritten Reich” (2016, hg. mit Clemens Vollnhals) und Friedrich Weißler. Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler (2017). Im Begleitband zur Ausstellung „Überall Luthers Worte …” ist er mit dem Aufsatz Luthers „Judenschriften” und ihre Rezeption im Protestantismus der NS-Zeit vertreten.

Angelika Königseder, 1966 geboren, ist freiberufliche Historikerin und Kuratorin der Ausstellung in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund. Sie war langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung.