Dienstag, 8. Mai 2012 19:00 Uhr

Das historische Argument in der aktuellen Ethik-Debatte

Vortrag: Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust
Moderation: PD Dr. Thomas Beddies

Topographie des Terrors Auditorium
Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

(Im Rahmen der Ausstellung „Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit”)

In ihrem Vortrag stellt Jeanne Nicklas-Faust aktuelle Linien der Ethik-Debatte vor und untersucht deren Hauptargumente. In der aktuellen Diskussion nimmt die Autonomie des Einzelnen eine zentrale Rolle ein. Jeder Mensch solle im Rahmen seiner Selbstbestimmung über Wahlfreiheit in bioethischen Fragen verfügen. Für die Weiterentwicklung medizinischer Verfahren, die auch bioethische Fragen berühren, wird als zentrales Argument die Leidvermeidung angeführt. Durch die Anwendung neuer diagnostischer und therapeutischer Verfahren könne eine Vermeidung von Leid erreicht werden, die auch Grenzüberschreitungen rechtfertige. Dagegen steht in der ethischen Debatte häufig das Argument der „schiefen Ebene“, das besagt, wenn eine Grenze einmal überschritten sei, werde der Anwendungsbereich unweigerlich weiter ausgedehnt. Zu den Argumentationslinien der aktuellen Ethik-Debatte wird die Darstellung historischer Argumentationslinien in Bezug gesetzt, die beispielsweise im „Dritten Reich“ zur Rechtfertigung von Zwangssterilisation und Tötung herangezogen wurden. So werden einerseits Parallelen analysiert, andererseits Abgrenzungen innerhalb der Argumentationslinien untersucht, die sowohl in der Debatte genutzt wie auch als unzulässig diskreditiert werden.

Jeanne Nicklas-Faust, 1963 geboren, ist Fachärztin für Innere Medizin und Professorin für medizinische Grundlagen der Pflege an der Evangelischen Hochschule in Berlin. Seit Anfang 2011 ist sie Bundesgeschäftsführerin der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. Nicklas-Faust wurde mit einer Studie zur Akzeptanz von Patientenverfügungen promoviert. Zu ihren Veröffentlichungen gehören Ethik und Behinderung: Ein Perspektivenwechsel (als Mitherausgeberin, 2004) sowie Heilerziehungspflege (2011). Zuletzt erschien ihr Aufsatz Care als Perspektive – Pflegeethische Aspekte bei Forschung mit demenziell erkrankten Menschen (2011).

Thomas Beddies, 1958 geboren, ist Assistent am Institut für Geschichte der Medizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Der Historiker ist Kurator der Ausstellung Im Gedenken der Kinder und Mitglied der Historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Psychiatrie und der Medizin im Nationalsozialismus.