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Auszüge aus den Erinnerungen von Charlotte Israel, zitiert nach: Die Grunewald-Rampe, Berlin 1993, S. 147.

Mein Mann wurde am 27. Februar 1943 abgeholt. An diesem Tag fand eine Großaktion zur Verschleppung von Juden in Berlin statt.
Mein Mann verließ an diesem Tage, einem Sonnabend, morgens früh um 7 Uhr unsere Wohnung in der Dahlmannstraße 22. Er ging zum Polizeirevier in der Grolmannstraße, um sich dort eine Fahrgenehmigung zu holen. Für die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln benötigten Juden eine polizeiliche Genehmigung. Strecken unter 6 km mußten sowieso zu Fuß zurückgelegt werden.

s-Bahnhof Grunewald

Mein Mann sollte am nächsten Morgen eine neue Stelle antreten: Zwangsarbeit in einer Fabrik am Alexanderplatz. Er sagte noch zu mir: "Ich bin dann so gegen 10 Uhr zurück!" Aber er kam nicht zurück.

Ich versuchte zunächst, in einem Milchgeschäft gegenüber etwas zu erfahren. Wir hatten vereinbart, daß er dort anrufen solle, wenn ihm etwas passiert sei; die Inhaber waren NS-Gegner. Aber dort hatte er sich nicht gemeldet. Ungefähr um halb drei sah ich dann meine Mutter kommen. Sie erzählte mir: "Man hat mir gesagt, daß Julius mit fünf anderen Juden unter Polizeibewachung in die Levetzowstraße gebracht wurde!"

Ich wußte, daß dort ein Sammellager für Juden war, die deportiert werden sollten. Ein Unbekannter hatte meine Mutter verständigt ...

Nach dem Gespräch mit meiner Mutter erkundigte ich mich auf dem Polizeirevier Grolmannstraße nach meinem Mann. Der Beamte war sehr nett und sagte: "Gehen Sie mal zur Rosenstraße." Er erklärte mir auch, wo das war: Im jetzigen Osten Berlins, am S-Bahnhof Börse. Als ich mit meiner Mutter dort ankam, dämmerte es bereits. Ungefähr 150 Frauen waren schon da. Aber es wurden in den nächsten Tagen immer mehr. Ich schätzte die Zahl damals auf 1000, es könnten auch noch mehr gewesen sein, enorm viele jedenfalls.

Das Ganze entwickelte sich zu einer richtigen Demonstration. Wir brüllten und schrien, daß sie unsere Männer herausgeben sollten: Im Lager saßen jüdische Männer aus "Mischehen". Die Demonstration wuchs von Tag zu Tag. Ich ging jeden Tag hin, und vom Bahnhof Börse hörte man schon das Schreien. Die Lage vor dem Sammellager spitzte sich zu. Die SS richtete Maschinengewehre auf uns: "Wenn Sie jetzt nicht gehen, schießen wir!" Nun war uns alles egal. Wir brüllten: "Ihr Mörder!" Hinter den Maschinengewehren riß ein Mann den Mund groß auf - vielleicht gab er ein Kommando. Ich habe es nicht gehört, es wurde übertönt. Dann geschah etwas Unerwartetes: Die Maschinengewehr wurden abgeräumt. Vor dem Lager herrschte jetzt Schweigen, nur noch vereinzeltes Schluchzen war zu hören. Mir selbst sind bei der Eiseskälte damals die Tränen im Gesicht gefroren. Das war der schlimmste Tag.