2. Treffen

Protokoll des 2. Treffens der Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken am 25./26. März 1999 Berlin,
Stiftung Topographie des Terrors

1. Vorstellungsrunde

Die Tagung begann mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde. Die Teilnehmer beschrieben ihre Bibliothek und deren Einbindung in die Gedenkstättenarbeit (Größe des Bestandes, Mitarbeiter, formale und sachliche Erschließung, Etat, Software, Benutzer etc.). Eine kurze Zusammenfassung dieses Austauschs ist in tabellarischer Form als Anlage 2 beigefügt.
Alle Teilnehmer waren sehr interessiert an einer sich regelmäßig treffenden Arbeitsgruppe (2 x jährlich) mit folgenden

Themenschwerpunkten :
- Allgemeiner Austausch über die spezifischen Anforderungen an die bibliothekarische Arbeit
   in einer Gedenkstätte.
- Erstellen einer verbindlichen Schlagwortliste bzw. eines Thesaurus
- Hilfestellung bei EDV-Problemen (z. B.ALLEGRO-Schulungen)
- Gemeinsame Datenbank der Bibliotheken im Internet bzw. Vernetzung
- Internet-Nutzung, Clearinghouse.
- Kooperative Bestandserschließung, Datenaustausch.
- Organisation von Schriften- und Doublettentausch
- Klärung bibliotheksrechtlicher Fragen (Urheberrecht, Umgang mit audiovisuellen Medien,Benutzungsregeln)

2. Projekt: Gemeinsamer Katalog der Gedenkstättenbibliotheken im Internet

Auf dem Gedenkstättenseminar in Nordhausen war in der Arbeitsgruppe "Bibliotheken" schon kurz über die Möglichkeit einer gemeinsamen Datenbank im Internet gesprochen worden. Seitdem sind die Planungen ein ganzes Stück vorangekommen, und Frau Sieberns aus der Bibliothek im Haus der Wannsee-Konferenz berichtete über den derzeitigen Stand.

Die Auswertung der in Nordhausen verteilten Fragebögen hatte ergeben, daß der größte Teil der bereits mit EDV katalogisierten Titel (ca. 80.000) in den Gedenkstättenbibliotheken mit der Bibliothekssoftware ALLEGRO-C erfaßt wurde. Da ALLEGRO-C sowohl eine Internet-Schnittstelle als auch gute Importmöglichkeiten für Daten aus anderen Datenbanksystemen bietet, liegt es nahe, für die gemeinsame Datenbank auch ALLEGRO-C zu nutzen. (Informationen über ALLEGRO-C sind unter <www.biblio.tu-bs.de> zu finden oder bei Frau Sieberns telefonisch zu erfragen)

Die ALLEGRO-Entwickler in der TU Braunschweig haben sich freundlicherweise bereit erklärt, die Gedenkstätten-Datenbank auf ihren Server zu legen, womit eine wichtige Voraussetzung für das Projekt geschaffen wurde. Frau Sieberns wird im Haus der Wannsee-Konferenz die Katalogdaten in einer Datenbank zusammenführen und diese an die TU Braunschweig schicken, die Internet-Anbindung erfolgt dann durch die ALLEGRO-Experten.

Auf dem Braunschweiger Server liegen bereits die ALLEGRO-Kataloge der TU Braunschweig und der Verbundkatalog der kirchlichen Bibliotheken. Außerdem sind zahlreiche Links zu ALLEGRO-Katalogen im Internet zu finden. Wer Gelegenheit und Interesse hat, kann sich unter der oben angegebenen www-Adresse die Suchmöglichkeiten in diesen Katalogen ansehen. Da die Gedenkstätten aufgrund einer fehlenden verbindlichen Schlagwortliste bislang hauptsächlich nach formalen Gesichtspunkten katalogisieren (Verfasser, Titel, Jahr, Reihe, Verlag etc.) und sachlich oft nur über eine interne Systematik erschlossen sind , wird die sachliche Suche in der gemeinsamen Datenbank am Anfang noch sehr eingeschränkt sein.

Die freundliche Unterstützung aus Braunschweig bedeutet auch, daß auf die Gedenkstätten keine Kosten zukommen werden. Die teilnehmenden Gedenkstätten müssen nur ihre Katalogisate exportieren und per Diskette an Frau Sieberns schicken. In welcher Form der Export erfolgen sollte, ist in einem Brief in Anlage 3 beschrieben.

Die anwesenden TeilnehmerInnen zeigten großes Interesse für das Projekt. Eine gemeinsame Datenbank würde nicht nur für die nach Literatur suchenden Wissenschaftler eine große Erleichterung darstellen, sondern auch für die Bibliotheksmitarbeiter selbst. So könnte man sich z.B. bei teuren Anschaffungen informieren, welche anderen Bibliotheken diesen Titel bereits besitzen oder nach einer Zeitschrift recherchieren, die man selbst nicht im Abo hat, aus der man jedoch Aufsatzkopien braucht oder Katalogisate und sachliche Erschließung vergleichen oder übernehmen.

Alle an dem Projekt interessierten Gedenkstätten sollten sich mit Frau Sieberns in Verbindung setzen bzw. ihre Katalogdaten an das Haus der Wannsee-Konferenz schicken. Telefonisch ist Frau Sieberns immer Donnerstags und Freitags von 10-18 Uhr (030/805001-20) zu erreichen.

3. Projekt: Sachliche Erschließung

Ulrich Tempel (Topographie des Terrors ) stellte seinen Beitrag am Freitagmorgen unter die Überschrift „Überlegungen zur Sachlichen Erschließung in Bibliotheken mit Schwerpunkt Nationalsozialismus“. Im folgenden eine kurze Zusammenfassung seiner Ausführungen:

Bei der Sachlichen Erschließung eines Bibliotheksbestandes sind zwei Hauptformen zu unterscheiden: die klassifikatorische Sacherschließung, für die Systematik und Systematischer Katalog stehen, und das verbale „Pendant“, die Verschlagwortung. Ein ausgewogenes, den Bedürfnissen der jeweiligen Bibliothek entsprechendes Verhältnis dieser beiden Erschließungsarten muß das Ziel der sachlichen Erschließung in einer Bibliothek sein.

Auch im Zeitalter der OPACs, in der bei vielen Programmen mit den per Felddefinition entstandenen Indexlisten quasi eine passive Inhaltserschließung vorgenommen wird, ist die Verschlagwortung von großer Bedeutung (u.a. zur Erschließung fremdsprachiger Literatur und bei Vorlagen mit wenig aussagekräftigen Titeln). Diese kann unter Bildung von Ketten geschehen (Präkoordination) oder mittels vom Nutzer vorgenommener Verknüpfung einzelner Begriffe (Postkoordination). Grundlage für die Verschlagwortung bildet das Vorhandensein genormten Wortguts, d.h. von Schlagwortverzeichnissen bzw. Thesauri. Ein Thesaurus für den Themenbereich NS existiert im deutschsprachigen Sprachraum nicht. Von der Deutschen Bibliothek wird eine Art Universalthesaurus herausgegeben, die Schlagwortnormdatei (SWD). In der Topographie des Terrors wird im Augenblick an einem Schlagwortverzeichnis gearbeitet, dessen Grundlage die SWD sein soll, der darüber hinaus aber auch eigene Ansetzungen enthält.

Ein Hauptproblem bei der Verschlagwortung ist die Frage, wie tief, d.h. wie genau und speziell erschlossen werden soll. Das Ziel sollte ein System sein, das eine große Flexibilität aufweist und damit unterschiedlichen Nutzeranforderungen gerecht wird. Dies ist nur durch das Arbeiten mit hierarchischen Beziehungen und ein umfassendes Verweisungssystem möglich.
Im Anschluß stellte Herr Tempel an einigen Beispielen den Stand der sachlichen Erschließung in Spezialbibliotheken in Hamburg und München vor.

Jutta Lindenthal (Fritz-Bauer-Institut) informierte über ihre Arbeiten am Thesaurus der Cinematographie-Datenbank am Fritz-Bauer-Institut, die die Grundlage für ein umfassendes Schlagwortsystem bilden sollen. Frau Lindenthal erwägt, in der Zukunft eine Arbeitsversion passwordgeschützt ins Internet zu stellen. Daraus könnte sich in der Zukunft ein Thesaurus entwickeln, der den verschiedenen Gedenkstättenbibliotheken aber auch z.B. Datenbankprojekten angeboten wird. Frau Lindenthal und Herr Tempel stehen als Ansprechpartner in allen Fragen der Verschlagwortung zur Verfügung und bitten darum, in den Gedenkstätten bereits vorhandene Schlagwortlisten (auch von Datenbank- oder Archivierungsprojekten) nach Berlin oder Frankfurt/M. zu senden.

Gabi Müller-Oelrichs (Haus der Wannsee-Konferenz) referierte über die Entwicklung der Bibliothekssystematik in ihrer Einrichtung. Eine anfangs relativ grobe Systematik wurde im Laufe der Diskussion immer weiter verfeinert. Pro Bestandseinheit werden heute mehrere Systemstellen vergeben, so daß auf diese Weise eine inhaltliche Erschließung erfolgt.

4. Vortrag: Sponsoring und Fundraising

Der Vortrag von Irmela Roschmann-Steltenkamp, Topographie des Terrors, über Sponsoring und Fundraising beruhte auf der Teilnahme an einer Fortbildungsreihe an der Freien Universität Berlin, (noch) nicht jedoch auf eigenen, praktischen Sponsoringerfahrungen.
Nach einer kurzen Begriffsdefinition wurden die Interessen der Sponsoren und Gesponsorten sowie rechtliche und praktische Aspekte dargestellt.
Fundraising „ist eine Marketingstrategie, mit deren Hilfe sich Non-Profit-Organisationen kontinuierlich um zusätzliche Finanzmittel, Sachmittel und/oder sonstige Unterstützung bei Privatpersonen, Unternehmen, Stiftungen und Verbänden bemühen“ (Jank, Dagmar: Fundraising für Archive. In: Brandenburgische Archive 12/1998, S. 10-12). Sponsoring ist eine Art des Fundraisings: es ist ein kontinuierliches, öffentlichkeitswirksames Geschäft auf Gegenseitigkeit, zeitlich und/oder sachlich genau abgegrenzt und vertraglich geregelt. Gerade in den heutigen Zeiten knapper öffentlicher Kassen ist die Aquirierung zusätzlicher Mittel notwendig, lassen sich doch sonst außerplanmäßige Projekte kaum realisieren. Bei der Einwerbung von Drittmitteln sind einige wichtige Dinge zu beachten, damit sich Erfolg einstellt. Für die Sponsoren ist es von großer Bedeutung, ein „zündendes“ Projekt zu finanzieren, das sich gut in der Öffentlichkeit präsentieren läßt, denn ihr Ziel liegt darin, Werbung für sich zu machen, neue Kunden zu bekommen und das Sponsorengeld steuerlich abzusetzen. Es geht für sie nicht um Hilfe oder Unterstützung, sondern ausschließlich um geschäftliche Verbesserung. Die Bibliothek, die sich sponsoren lassen will, darf demzufolge nicht als Bittstellerin auftreten, sondern muß sich ihres Wertes sehr bewußt sein und diese offensiv nach außen hin vertreten und verkaufen. Nicht jeder Sponsor kommt in Frage, sein Profil muß mit den Zielen und Werten der Bibliothek übereinstimmen und die mögliche Zusammenarbeit sollte genau geprüft werden. Zentrale Voraussetzung ist, daß das Sponsorprojekt, bevor es einem möglichen Geldgeber präsentiert wird, detailliert ausgearbeitet und finanziell exakt berechnet ist. Der Sponsor will wissen, was auf ihn zukommt und er benötigt eine sichere, verläßliche Grundlage.
Nicht unberücksichtigt bleiben darf die rechtliche Seite des Sponsoring: um von dem Sponsorengeld möglichst viel oder natürlich am besten alles zu behalten, müssen haushaltstechnische sowie steuerliche Fragen geklärt sein. Im Mittelpunkt steht der Sponsoringvertrag, der alle Vereinbarungen regelt und beide Seiten absichert. Ohne diesen Vertrag kann der Sponsor im übrigen seine geleisteten Zahlungen nicht steuerlich absetzen. Es ist darauf zu achten, nicht gegen geltendes Wettbewerbs- und Urheberrecht zu verstoßen, im eigenen Haushalt einen „Topf“ einzurichten, in den das Sponsorengeld fließen kann sowie Obergrenzen einzuhalten, um steuerliche Abgaben zu vermeiden.
Sponsoring ist keine Aufgabe, die ohne weiteres nebenbei betrieben werden kann, vielmehr ist es ein sehr arbeitsintensives und z.T. auch frustrierendes Unterfangen, das einen langen Atem voraussetzt. Dennoch ist es auch eine Arbeit, die, wenn sie gut vorbereitet und durchgeführt wird, Erfolge liefern und die eigene Motivation heben kann.

5. weitere Planungen

In der Abschlußdiskussion wurden folgende Punkte festgehalten:

- die Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken wird sich zweimal jährlich treffen: das Frühjahrstreffen findet als reines „Bibliothekstreffen“ im Wechsel in verschiedenen Gedenkstätten statt, der Herbsttermin wird sich an die Gedenkstättenseminare anlehnen und in diesem Rahmen in Form von Arbeitsgruppen innerhalb des Seminars durchgeführt
- die allgemeine Organisation der Arbeitsgemeinschaft liegt bei Irmela Roschmann-Steltenkamp, Stiftung Topographie des Terrors, Berlin
- das nächste Treffen der Arbeitsgemeinschaft findet vom 18. bis 21. November 1999 in der Gedenkstätte Dachau im Rahmen des Gedenkstättenseminars statt. Die Arbeitsgruppentermine sind am Freitag, 19.11., und Samstag, 20.11.. Themen dieser Arbeitsgruppen werden die Information über die Entwicklung der Schlagwortliste (Frau Lindenthal) sowie die Diskussion rechtlicher Fragen in der Arbeit der Gedenkstättenbibliotheken sein.

Verfasser: Anne Sieberns, Ulrich Tempel, Irmela Roschmann-Steltenkamp

Anlagen: 1. Adressenliste
2. Zusammenfassung der Vorstellungsrunde
3. Projekt: „Gemeinsamer Katalog der Gedenkstättenbibliotheken im Internet“