Protokoll des 16. Treffens der Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken
vom 29.-31. März 2006 in der Wiener Library London
Mittwoch: 29.03.06
Führung durch die Wiener Library und Vorstellung der Arbeit
Ben Barkov, Leiter der Wiener Library www.wienerlibrary.co.uk,
gab zu Beginn der Tagung einen kurzen Abriss
der Geschichte der Bibliothek. Anschließend wurden die TeilnehmerInnen
durch die Bibliothek geführt und
bekamen einen Eindruck von den kostbaren, seltenen und äußerst umfangreichen
Beständen. Auch das Archiv
und die Zeitungsausschnittsammlung wurden im Rahmen der Führung präsentiert.
Nach der Führung stellten
einige der 35 Volunteers ihre Arbeit in der Wiener Library vor, daran anschließend
gab es Gelegenheit, vertieft
mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Die Wiener Library hat als Sammelschwerpunkte Holocaust und Nationalsozialismus
sowie deren Ursachen und
Wirkungen und besitzt außerhalb Deutschlands die beste Sammlung zu "local
German Jewish history". Im
Bestand sind ca. 60.000 Bücher und Broschüren, 10.000 Photographien
und 300.000 Zeitungsausschnitte. Seit 2004
sind ca. 50.000 Bücher und Broschüren online suchbar. In der Wiener
Library arbeiten zur Zeit 5 BibliothekarInnen
und 1 Archivar sowie Zivildienstleistende, Praktikanten und 35 Ehrenamtliche
("volunteers"). Letztere sind im
Alter zwischen 20 und 90 (!) Jahren und z.T. mit den Kindertransporten nach
England gekommen. Nun, im Alter,
möchten sie gerne eine Institution unterstützen, die zum Thema Holocaust
arbeitet. Ihre Aufgaben bestehen u.a.
darin, das Presseausschnittsarchiv zu betreiben, die 300.000 Zeitungsausschnitte
für die Verfilmung auf Mikrofilm
vorzubereiten oder Broschüren zu restaurieren und zu konservieren. Das
Treffen mit den Volunteers war einer der
beeindruckendsten und bewegendsten Programmpunkte der Tagung.
Donnerstag: 30.03.06
Holocaust Education in Britain
Holocaust Education ist Teil des britischen Curriculums. Ca. 15 verschiedene
Organisationen, die
allerdings untereinander nur schlecht bzw. gar nicht vernetzt sind, widmen sich
diesem Bereich. Von den 15
Einrichtungen haben sich die folgenden vorgestellt: The Holocaust Centre Beth
Shalom www.bethshalom.com,
The Holocaust Educational Trust www.het.org.uk,
Yad Vashem UK www.yadvashem.org, The Jewisch
Museum
www.jewishmuseum.org.uk, The Imperial
War Museum www.iwm.org.uk.
Die kurzen Präsentationen gaben einen guten Einblick in die vielfältigen
Angebote der Organsiationen, die äußerst
engagierte Arbeit mit den Schülern und Lehrern und die Schwierigkeiten,
die finanziellen Mittel für die Arbeit
einzuwerben. Denn im Gegensatz zu den (meisten) bundesdeutschen Einrichtungen
ähnlicher Art, werden die
britischen Organsiationen gar nicht oder nur gering staatlich gefördert.
Collection development and the problem of clear borders for our project
(Dr. Robert Rozett, Yad Vashem)
Dr. Robert Rozett, Leiter der Bibliothek Yad Vashem, stellte in seinem Beitrag
zentrale Definitionsfragen, deren
Beantwortung wiederum z.T. Auswirkungen auf die Bestandspolitik der Bibliothek
bzw. des Archivs haben. Für die
Datenbank der Opfer des Holocaust bei der Gedenkstätte Yad Vashem z.B.
stellen sich u.a. die folgenden Defini-
tionsfragen: Was meint Holocaust? Wer ist ein Opfer des Holocaust? Wer ist ein
Überlebender des Holocaust?
Wer ist ein Jude? All diese Fragen - die manchmal auch etwas befremdend wirken
- sind relevant, um die Daten-
bank präzise anlegen zu können und das Projekt nicht ausufern zu lassen.
Der Beitrag machte deutlich, wie wichtig
eine Begriffsdefinition für Projekte ist und wie fragil eigentlich selbstverständliche
Termini bei genauerem Hinsehen
doch sind.
Visit and guided tour of the British Library
Frau Dorothea Miehe aus der Abteilung German Collections der British Library
www.bl.uk gab den Tagungsteil-
nehmerInnen eine umfassende und thematisch auf die AGGB zugeschnittene Führung
durch die British Library.
Im Anschluss daran wurden zahlreiche Bücher aus der Zeit des Nationalsozialismus
bzw. der direkten Nachkriegszeit
gezeigt, die die British Library erworben hat.
Freitag: 31.03.06
Visit of the Holocaust exhibition of the Imperial War Museum
Das nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Imperial War Museum war bis zu
den 1970er Jahren ein eher technisch
ausgerichtetes Museum. Seit den 1980er Jahren hat ein Wandel hin zu einem research
center, zu einem educational
museum stattgefunden und das Museum nennt sich nun selbst "Britain's national
museum of modern conflict"
(Zitat aus der Einleitung des Katalogs der Holocaust-Ausstellung). Seit dem
Jahr 2000 zeigt das Imperial War Museum
eine Holocaust-Ausstellung: Die Ausstellung ist chronologisch gegliedert, beginnt
mit der Zeit nach dem Ersten
Weltkrieg und endet mit der Befreiung der Lager durch die Alliierten. Thematisch
liegt der Schwerpunkt auf der
Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, aber auch das Schicksal
anderer Verfolgtengruppen sowie die
Darstellung der Täter sind Teil der Ausstellung. Die genannten Themen werden
mit Hilfe von Bildern, Filmen,
Dokumenten und Exponaten dargestellt. Erschütternde und berührende
Augenzeugenberichte von zwölf Überlebenden
ergänzen die theoretischen Informationen aus den einzelnen Themenbereichen
durch persönliche und direkte
Erfahrungen.
Bisher haben ca. 1,5 Millionen Besucher die Ausstellung gesehen. Ergänzend
werden spezielle Angebote für Schul-
klassen, aber auch Lesungen und Konferenzen zum Thema Holocaust angeboten.
Anwesenheitsliste:
Georg Fischer, KZ-Gedenkstätte Neckarelz e. V.
Matthias Mann, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Gaby Müller-Oelrichs, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Irmela Roschmann-Steltenkamp, Stiftung Topographie des Terrors
Dr. Robert Rozett, Yad Vashem
Astrid Sürth, NS-Dokumentationszentrum Köln
Klaus Tätzler, Gedenkstätte Bergen-Belsen
Manfred Warnecke, Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Barbara Welker, Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum"
MitarbeiterInnen der Wiener Library
Fabian Fürste
Miriam Haardt
Kat Hübschmann
Sabine Jung
Marek Jaros
Anne Linzbach
Michaela Meiser
Johannes Wischt
Andrea Zierer